Als Claudia ihren Fehler erkannte, schoss es siedend heiß in ihr hoch! Die vertrauliche E-Mail samt Anhang hatte sie an den falschen Adressaten versendet. Weg. Nichts mehr zu ändern. Wie sie es auch drehte und wendete, das musste sie ihrem Chef beichten, sobald er wieder im Hause sein würde. Vorher konnte sie beim besten Willen nichts machen. In ihr krampfte sich alles zusammen. Sie wusste, wie er reagieren konnte.

Peter hatte keine Ahnung, was er falsch gemacht hatte. Er wusste nur, dass etwas nicht passt. Aufgrund ihres Verhaltens. Sie antwortete schnippisch, bedachte ihn mit herabschauenden Blicken. Darauf angesprochen, meinte sie nur: „Denk nach. Dann wird es dir schon einfallen.“

Kennst du ähnliche Situationen? Wie geht es dir in solchen Momenten?

FehlerUNkultur

Bei vielen hat sich eingeprägt, dass Fehler schlecht sind. Weil bestraft gehört, wer einen Fehler oder etwas falsch macht! Die Bandbreite an Möglichkeiten ist groß: Von vorwurfsvollen Schuldzuweisungen, abwertenden Aussagen und Gesten. Von angeschrien zu ignoriert werden und eisigem Schweigen. Manche haben es in ihrer Kindheit auch körperlich zu spüren bekommen. Hauptsache, es sitzt!

Wichtig dabei ist, dass die Kritik landet und sich die betreffende Person schlecht fühlt! Die Botschaft lautet: „Du sollst es merken! Du sollst es dir merken! Damit du das nicht mehr tust! Damit du keine Strafe mehr bekommst.“

 Wie verletzend das ist. Wie zerstörend. Wenn der Wert des Fehlers höher ist als der Wert der Beziehung und der Wert des Menschen, der etwas falsch gemacht hat.

Prägt sich die Erfahrung durch Wiederholungen ein, weißt du, dass immer etwas passieren kann. Innerhalb dieser Beziehung, innerhalb einer Lebens- oder Arbeitsgemeinschaft, in der eine solche FehlerUNkultur gelebt wird, fühlst du dich nie sicher. Bist vorsichtig. Du lernst: Gestraft werden, ist nicht gut. Gar nicht gut. Daher lautet das klare Ziel: Strafe vermeiden.

Was bedeutet, Fehler zu vermeiden, wenn es gelingt. Wer besonders brav und fleißig ist, wer sich anstrengt und der/die Beste ist, hat gute Chancen, dem zu entkommen. Schmerzvermeidung als Turbo für Höchstleistungen.

Gelingt das nicht und passiert dir etwas, signalisiert dir dein nagend schlechtes Gefühl „Achtung“! Dein Bedürfnis nach SELBSTSCHUTZ schwingt.  Je nach Situation und Person gibt es unterschiedliche Selbstschutzmaßnahmen:

Bemerkst du selbst den Fehler, kannst du ihn vertuschen, verheimlichen, jemand anderem in die Schuhe schieben. Mit deinem schlechten Gewissen quälst und strafst du dich selbst. Wie gewohnt. Wie gelernt. Urteile über die anderen mildern die Härte gegen dich selbst etwas ab. Die Angst aufgedeckt zu werden, spielt untergründige Begleitmusik.

Wird der Fehler von jemand anderem entdeckt, helfen Verantwortung und Schuld abschieben:

  • „Der/die andere war es!“
  • „Ich war es nicht!“
  • „Ich kann nichts dafür, weil …“
  • „Das Problem ist …“

Du kannst auch dazu stehen und dir die erwartete Abreibung holen. Damit es dann vorbei ist und nicht ewig dauert.

So oder so. Hast du ausreichend schmerzhafte Erfahrungen gemacht, ist ein Fehler Ausgangspunkt für eine Reihe äußerst unangenehmer Gedanken, Gefühle und weiterer Situationen. Wer das kennt, hat in seiner Alarmdatenbank abgespeichert: Fehler sind schlecht! Du bist schlecht, wenn du Fehler machst! Wenn du nicht tadellos ins Konzept passt!

Vielleicht ziehst du irgendwann die Notbremse und steigst aus Beziehungen mit Menschen, die eine solche FehlerUNkultur leben, aus. Für ein Gegeneinander stehst du nicht mehr zur Verfügung. Der Wettbewerb findet ohne dich statt. Deine Bedürfnisse nach SCHUTZ und SELBSTWERT sagen dir: Es reicht!

Welch Überraschung, wenn es ganz anders kommt! Wenn es gar nicht so schlimm ist. Weil du mit jemandem zu tun hast, der eine ganz andere Fehlerkultur pflegt: eine offene Fehlerkultur. Oder sogar eine konstruktive Fehlerkultur.

Fehlerkultur

Welch himmelhoher Unterschied, wenn du plötzlich mit Menschen zu tun hast, die einen ganz und gar anderen Zugang haben!

Für die ein Fehler, nicht mehr ist als eine neutrale Sache, die sie genauso offen und freundlich (weil es keinen Grund zu Gehässigkeit gibt) ansprechen und gleich darum bemüht sind, zu schauen, was jetzt wichtig ist, worum es jetzt geht und wie hier schnell geholfen oder etwas ausgebessert werden kann.

Wie entspannt das ist. Wie leicht sich das anfühlt. Wenn der WERT der Beziehung wichtig ist. Wichtiger und mehr WERT als Missgeschicke. Wenn das MITEINANDER mehr WERT ist als Missverständnisse. Wenn gesehen wird, dass jemand etwas gut gemeint hat, auch wenn es in der Wirkung ungut angekommen ist. Weil das dann einfach an- und ausgesprochen werden kann. Weil es in Ruhe geklärt wird. Und damit gut ist.

Wie sich die Worte, wie sich der Ton, wie sich die Stimmung verändert! Anders ist!

Zeit und Fehler

Auch das Tempo ändert sich!  Es geht nicht um hetzen, alles unterbekommen, alles richtig und perfekt machen (was eh nicht klappt). Es geht nicht um reibungsloses Funktionieren wie eine Maschine (die auch ihre Fehler haben kann!).

Es geht darum miteinander alles so gut als eben möglich zu machen!

In einer FehlerUNkultur steckst du Lebenszeit in Konflikte, in Unheil und in das immer wieder Heilen nach Kränkungen. Du verbringst Stunden in kräfteraubenden, quälenden Gedankenkarussellen. Den Fokus legst du auf Fehlervermeidung. Und ziehst sie gleichzeitig damit an! Denn Energie folgt der Aufmerksamkeit!

In einer positiven Fehlerkultur, in der das Miteinander und die Beziehungen bewusst gepflegt werden, liegt der Fokus am gemeinsamen Leben, Arbeiten und Erreichen der Ziele. Auch wenn mal was passiert. So wird das wieder gut gemacht und keine weitere Energie verschwendet. Der Fehler ist eine Sache.

Arten von Fehlern

Es gibt unterschiedliche Arten von Fehlern. Ja, mit von dir gemachten Fehlern kannst du anderen schaden. Ob aus falscher Einschätzung, aus Versehen, oder weil du etwas nicht eingehalten hast. Wer einen Schaden verschuldet hat, hat dafür seine Verantwortung zu tragen. Dafür gerade zu stehen. Das Beste zu tun, um diesen wieder gut zu machen.

Doch nicht jeder Fehler zieht eine solche Folge nach sich! Viele große Erfindungen wurden nur dank Fehlern und Missgeschicken gemacht, auch einige Produkte sind so entstanden.

Es könnte daher auch eine gewisse Sinnhaftigkeit im Auftreten von Fehlern zu finden sein.

Wie der Wandel gelingt

Frag dich, was dir in einer Beziehung wichtig ist. Ob es deine Liebesbeziehung, familiäre, freundschaftliche oder berufliche Beziehungen sind. Schau sie dir an und erkenne, was dir da jeweils wirklich wichtig und von WERT ist. Nimm dir als Unterstützung gerne hier mit 1 Klick die Bedürfnisliste oder die sprache-verbindet Bedürfniskarten.

Betrachte deine dir wichtigen Bedürfnisse und WERTE genauer: Was bedeuten sie für dich im alltäglichen Zusammensein? Warum sind sie dir so wichtig?

Sei dir bewusst, dass Fehler vorkommen. Sobald ein Fehler passiert ist, akzeptiere, das es ist, wie es ist. Ganz neutral. Ganz sachlich.

Wie möchtest du künftig mit Fehlern umgehen? Wenn sie dir selbst passieren oder jemand anderem?

Wie fühlst du dich und wie möchtest du dich fühlen? Die sprache-verbindet Gefühlekarten können dich beim Antwort finden dabei unterstützen.

Wie möchtest du im Sinne deiner dir wichtigen Bedürfnisse und WERTE handeln?

Was, wenn Ihr Euch Zeit nehmt – ein gemeinsamer Abend als Partner, ein gemeinsamer Sonntag mit der Familie, ein gemeinsamer Nachmittag im Team –  und Ihr gemeinsam diesen Fragen nachgeht? Um ein Feld voll VERTRAUEN, EHRLICHKEIT, OFFENHEIT, WOHLWOLLEN und GEMEINSAME ENTWICKLUNG zu bestellen? Für ein feines Miteinander!

Wie geht es dir, wenn du diesen Artikel liest? Welche Gedanken kommen dir? Was ist dir aufgefallen oder bewusst geworden?
Wenn du magst, kannst du uns in die Kommentare schreiben. Wir freuen uns, von dir zu lesen!

Herzlichst, Irmgard und Stefan

Stefan und Irmgard Wallner – Foto von Danila Amodeo

Der wohlwollende, hilfreiche Umgang auf Ämtern, in Geschäften, in öffentlichen Verkehrsmitteln und in privaten Begegnungen fällt uns hier auf Malta ganz besonders auf. „Oh, da hab ich einen Fehler gemacht.“, wird freundlich gesagt und sich sofort in a l l e r  R u h e darum gekümmert, dass alles passt. Ohne Druck. Immer bemüht, ausgesprochen geduldig und herzlich freundlich. Das hat uns zum Nachdenken und zu diesem Artikel gebracht.

 

 

 

Beitragsfoto von JackF von Getty Images von Canva