Lieben oder geliebt werden?

„Jeder Mensch fühlt sich heute ohne Ausnahme zu wenig geliebt, weil jeder zu wenig lieben kann“, meinte Adorno. Eine provokante These! Aber auch sein Jugendfreund Erich Fromm fragt in seinem Buch „Die Kunst des Liebens„: „Wollen wir einfach nur geliebt werden?

LIEBE

Liebe ist ein wunderbares Bedürfnis. Wir haben uns in einer unserer Morgenbetrachtungen schon damit beschäftigt. Sie ist ein Thema in allen Künsten, und das Hohelied der Liebe drückt viele ihrer Facetten aus. Ist die Liebe also das Höchste? Das höchste Gut. Das höchste Gebot. Das höchste aller Gefühle. So hoch, dass selbst der berühmte Quantenphysiker Hans-Peter Dürr zu dem Schluss kommt, sie sei das einzig Wahre.

Liebe, eines der komplexesten und begehrtesten Bedürfnisse? Es ist ein Paradox, das in der klaren Unterscheidung zwischen lieben und geliebt werden liegt. Diese beiden Aspekte der Liebe sind zwar eng miteinander verwoben, weisen aber in ihrer Bedeutung und Wirkung große Gegensätze auf.

 

LIEBEN

Lieben ist ein Verb, ein Tun, aktiv und lebendig. Es ist ein selbstloses Schenken und Bedenken, das aus den Tiefen des eigenen Seins und des eigenen (Wohl-)Wollens entspringt. Es ist ein Sich-Öffnen, ein Sich-Hingeben und ein liebevoll Handeln. Unsere Aufmerksamkeit, unser Verständnis, unsere Unterstützung gilt dem geliebten Menschen.

Lieben, was ist. Das bedeutet, den anderen in seiner ganzen Individualität, mit all seinen Eigenschaften und Eigenheiten anzunehmen und zu akzeptieren. Diese lebendige Liebe ist ein Geschenk, das seine Erfüllung im Akt des Gebens findet. Sie erwartet keine Gegenleistung. Sie lässt den anderen in seiner Eigenständigkeit und Freiheit und bestätigt ihn darin.

 

GELIEBT WERDEN

Dem gegenüber steht das Geliebt werden, ein Zustand, den viele anstreben, aber auch mit größter Anstrengung nicht selbst herbeiführen können.  Eine passive Erwartung. Oft verbirgt sich dahinter der Wunsch nach Bestätigung, nach einer bestimmten Form der Zuneigung, die unseren Vorstellungen entspricht. Dieses Geliebt-werden-wollen führt zu Enttäuschung und Unzufriedenheit, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden. Wir hören schon den Satz: „Wenn du mich wirklich liebst, dann …“

In dem Moment, in dem wir Liebe erwarten, lieben wir nicht.

In dem Moment, in dem wir Vorwürfe denken oder aussprechen, lieben wir nicht.

In dem Moment, in dem wir fordern, lieben wir nicht.

Wir verlangen.

Wir hungern.

Nach … LIEBE.

Der andere verkommt zum Objekt, das der eigenen Bedürfnisbefriedigung dient.

Er soll uns die Liebe geben, nach der wir uns sehnen. Soll uns in den Zustand des Wohlbefindens versetzen. Wir sind bedürftig. Als Objekt gesehen und gebraucht zu werden, fühlt sich unangenehm an. Klebrig. Schlammig. Als würde man in den Morast gezogen. Alles, was man tut, vielleicht sogar aus Liebe tut, wird nicht richtig wahrgenommen und ist nie genug!

 

VOM UNGLEICHGEWICHT

Wenn aber in einer Partnerschaft der eine nur gibt und der andere nur nimmt, entsteht ein Ungleichgewicht, das auf Dauer nicht tragfähig ist. „Ich brauche deine Liebe“ lässt die Liebe von oben nach unten in ein schwarzes Loch fließen, das sich nie füllt. Bis nichts mehr da ist.

Eine solche Beziehung führt zur Erschöpfung. Zu einer Leere, als hätte man den Stöpsel aus der Badewanne gezogen und der letzte Tropfen Liebe wäre in den Siphon und weiter in den Abfluss geronnen. Was bleibt, ist eine drückende Schwere, eine niederdrückende Last. Eine erdrückende Ohnmacht beim gebenden Partner, während der nehmende Partner kurzfristig gesättigt, aber nie wirklich bereichert wird.

 

LIEBE IN DER PARTNERSCHAFT

Das wahre Wesen der Liebe zeigt sich in der Partnerschaft, in der beide Partner gleichwertig lieben und deshalb auch gleichwertig geliebt werden. Wo der eine den anderen als zentrales Subjekt wahrnimmt, sich öffnet, sich hingibt und schenkt. Offen bleibt, den anderen einlässt und herzlich empfängt.

Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren. Adorno

Wir begegnen uns ohne Rüstung. Schutzlos. Nackt. Mit all unserer Verletzlichkeit.

Wir sehen unseren Partner als eigenständiges, zentrales Subjekt. Mit all seinen Qualitäten. In seiner Einzigartigkeit. In seiner Kostbarkeit für uns. Ein Schatz von unschätzbarem Wert. Auf den wir achten. Damit wir ihn nicht verletzen oder kränken. Weder mit Worten noch mit Taten. Wenn er sich schwach zeigt, fühlen wir mit ihm und kümmern uns um ihn. Wir fragen uns, was wir tun können, um ihn zu unterstützen. Bis er wieder zu Kräften kommt. Und wir freuen uns, wenn er wieder aufblüht.

Wie Nervenzellen, die sich suchen, finden, feuern und verbinden, wächst eine starke, freudige, kraftvolle Verbindung zwischen uns, unabhängig von äußeren Umständen. Dieses Band ist dynamisch, geprägt von gegenseitiger Achtsamkeit und dem ständigen Bemühen, dem anderen und der Beziehung Gutes zu tun.

Wir lieben uns und gestalten unser Leben authentisch nach unseren Vorstellungen. Wir nehmen uns mit allen Sinnen feinfühlig und achtsam wahr. Wir pflegen und wertschätzen uns und unsere Beziehung. Dazu ist es wichtig, dass wir alles, was uns beschäftigt, ansprechen und wohlwollend behandeln. Aus diesen partnerschaftlichen Gesprächen entwickeln wir uns weiter und fördern uns gegenseitig. Wir erkennen die Bedürfnisse und Wünsche des anderen und erfüllen sie, so gut es uns aus Liebe möglich ist, ohne unsere eigenen aufzugeben. Wir sind füreinander da, ohne unsere eigene Identität zu verlieren. In einer solchen Partnerschaft gibt es keine Dominanz, kein einseitiges Nehmen.

SO IST DAS MIT DER LIEBE

Liebe lässt sich weder erzwingen noch unter Druck erzeugen. Sie kommt von innen. In der Liebe geht es nicht darum, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern darum, sich selbst hinzugeben. In ihr finden wir unsere wahre Bestimmung, unser tiefstes Glück und unsere größte Erfüllung als Menschen.

💛 Wen liebst du?

💛 Wie liebst du?

Was geht dir durch Kopf und Herz, wenn du diesen Artikel liest? Wir freuen uns auf deine Gedanken und Erfahrungen zum Thema – teile sie gerne in den Kommentaren und lass uns gemeinsam in die Welt der Liebe und Beziehungen eintauchen.

Herzlichst,
Irmgard und Stefan

Foto: Danila Amodeo

 

Noch ein paar Extratipps zum Vertiefen für besinnliche Wintertage:

💛 Sternstunden: Hans-Peter Dürr – „Das Wesentliche ist nicht begreifbar“ (Gespräch 1995) (youtube.com)

💛 Die Kunst des Liebens von Erich Fromm

💛 Über die vielen Formen der Liebe, eines meiner (Irmgards) Lieblingsbücher: Die vierzig Geheimnisse der Liebe