In einer Welt des scheinbaren Überflusses, in der das Neue oft als das Bessere und das Teure als das Erstrebenswerte angesehen wird, neigen wir dazu, dies als selbstverständlich hinzunehmen und die grundlegenden Aspekte unseres Lebens zu vernachlässigen. Wir leben in einer Zeit des „mehr, mehr, mehr“, in der die Anhäufung von Besitz als Zeichen des Erfolgs gelten. In dieser materiellen Welt verlieren unsere wahren, unsere natürlichen Bedürfnisse oft an Bedeutung. Gleichzeitig wächst die Unzufriedenheit, depressive Verstimmungen nehmen zu und Verdrossenheit breitet sich wie eine ansteckende Krankheit in unserer Gesellschaft aus.

Bedürfnisse: Wo sie zählen und wo nicht

Bedürfnisse – wer Kunden mittels manipulativer Werbung anlocken möchte, kennt deren unschätzbaren Wert. Auch jene, die sie für ihre politische Taktik nutzen, um Menschen zu (ver-)führen, die nach Veränderung dürsten. Gefährlich, wenn solche Menschen die wahren Bedürfnisse besser kennen und verstehen als man selbst und dort für ihre eigenen Interessen und Zwecke ansetzen!

Dennoch werden Bedürfnisse in der persönlichen Bewertung, in der Lebensgestaltung, im privaten und beruflichen Miteinander oft als „moderner Kram“ abgetan oder als „ja, ganz nett, aber nicht so wichtig“ betrachtet. Es gibt ja im Alltag genug zu tun. Manche scheuen den Kontakt, weil er eine ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst bedeuten würde, die anfangs schmerzhaft sein kann. Damit machen wir uns nicht nur manipulierbar, sondern vergessen auch, was uns als Menschen im Innersten ausmacht und uns Orientierung, Klarheit und Sicherheit bietet.

Die Evolution der menschlichen Bedürfnisse

Die menschliche Evolution hat gezeigt, dass sich der Mensch, als einzelstehend schwaches Wesen, durch den Nutzen der Gruppe ständig weiterentwickelt hat. Dabei haben sich Bedürfnisse als essenzielle Wegweiser in verschiedenen Lebensbereichen herausgebildet. Mit unterschiedlicher Priorität, aber immer von großer Bedeutung für das Wohlergehen und Gedeihen der Gruppe und in weiterer Folge der Gesellschaft. Jedes Abweichen von diesen Bedürfnissen hatte zu negativen Konsequenzen für die Gruppe geführt.

Der Einfluss von Bedürfnissen auf unsere Gemeinschaften

Die Fähigkeit, Bedürfnisse zu verstehen und zu erfüllen, wurde epigenetisch und/oder genetisch vererbt und liegt in unserer Natur. Die komplexen Wechselwirkungen im menschlichen Körper verdeutlichen ihre Wichtigkeit. Unsere Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol, Oxytocin, Endorphine, Serotonin und Dopamin steuern hochkomplexe chemische Prozesse, die wir körperlich spüren und die uns situationsbezogen handeln lassen. Vielfältige Bedürfnisse wurden im Laufe der Zeit je nach Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft als erfolgreich und unterstützend erkannt und damit weitergegeben.

Die Bedürfniswelt: Zeitlose Wegweiser

Es ging ums nackte Überleben! Das war die entscheidende Größe. Das Fundament dafür bildeten unsere jeweiligen Bedürfnisse, die uns über Hormonreaktionen und starke Gefühle schnell Beine machen konnten. Und uns um alles Lebensnotwendige kümmern ließen.

Überleben: NAHRUNG, SCHUTZ, UNTERKUNFT, LUFT, BEWEGUNG, GESUNDHEIT, KÖRPERKONTAKT, RUHE, AUSTAUSCH

Von der Kleingruppe über den Stamm bis hin zu den nachfolgenden Gemeinschaften war es von Vorteil, sich im Umgang miteinander an gewisse Regeln zu halten, die Verlässlichkeit und Planbarkeit zuließen.

Zusammenhalt: VERTRAUEN, UNTERSTÜTZUNG, VERSTÄNDNIS, EHRLICHKEIT, WERTSCHÄTZUNG, RÜCKSICHTNAHME, RESPEKT, WAHRGENOMMEN WERDEN, ERNST GENOMMEN WERDEN, PARTNERSCHAFTLICHER UMGANG

Als ein sehr starker Anker in Partnerschaft und Familie im Sinne einer dauerhaften Bindung hat sich das Gerüst einer stark emotional geprägten gegenseitigen Wahrnehmung und Zuneigung erwiesen.

Emotionale Bindung: EMOTIONALE SICHERHEIT, LIEBE, MENSCHLICHKEIT, GEBORGENHEIT, NÄHE, EMPATHIE

Um aber auch die Gruppe als solche langfristig zu stärken und zu erhalten, zeigen uns gruppenspezifische Bedürfnisse, worauf es hier ankommt.

Gemeinschaft: GEMEINSCHAFT, ZUGEHÖRIGKEIT, MITGESTALTEN, GLEICHWERTIGKEIT, FREUDE, HUMOR, DAS LEBEN FEIERN, TRAUERN

Für das Gedeihen und die Stärkung dieser Gemeinschaften war es immer von Vorteil, wenn durch das Engagement Einzelner etwas Neues entdeckt oder entwickelt wurde. Ebenso wichtig war es, diese Erkenntnisse zu teilen und voneinander zu lernen.

Entwicklung: WEITERENTWICKLUNG, AUSTAUSCH, EINFACHHEIT, KLARHEIT, KREATIVITÄT, FLEXIBILITÄT, INSPIRATION, MUT, dem Folgen von TRÄUMEN, ZIELEN und WERTEN.

Schließlich erweiterten die Menschen ihre überlebenswichtigen Aspekte durch reflektierende und hinterfragende Ansätze.

Reflexion: ORDNUNG, FRIEDEN, SCHÖNHEIT, SELBSTWERT, SINN, IDENTITÄT, FREIHEIT, DAS LEBEN FEIERN, BALANCE, PRIVATSPHÄRE, ZUM LEBEN BEITRAGEN, HARMONIE, AKZEPTANZ, AUTHENTIZITÄT, SPIRITUALITÄT

All dies sind wichtige Bestandteile unserer Welt der Bedürfnisse, in jedem von uns und gemeinschaftlich von uns allen! Sie sind die Seiten unserer inneren Harfe, der Klang unserer inneren Stimme! Ein harmonisch tönender Chor, wenn wir uns abstimmen!

Antagonisten unserer Bedürfnisse

Obwohl wir alle Bedürfnisse in uns tragen und sie alle gleich wichtig sind, variiert ihre Wertigkeit je nach Situation und Lebensphase. Sie dienen uns als Wegweiser, die uns zeigen, worauf wir gerade unser Hauptaugenmerk legen sollten.

Diese vollkommene, feinnuancierte Welt der Bedürfnisse hat alle Seiten in sich, unterschiedlich klingende und wirkende, die wie Gegenspieler sind, die in verschiedenen Situationen und Lebensphasen unterschiedliche Ausprägungen annehmen können. Die BALANCE zwischen Bedürfnissen wie NÄHE und FREIHEIT, GEMEINSCHAFT und PRIVATSPHÄRE, RUHE und AKTIVITÄT und anderen ist entscheidend, um auf die vielfältigen Herausforderungen des Lebens angemessen reagieren zu können. Ein guter Grund, sie wahr- und ernst zu nehmen.

Das Auseinandertriften von natürlicher und kultureller Evolution

Was über Hunderttausende von Jahren in der Evolution des Menschen überlebenswichtig war, wurde in den letzten 10.000 Jahren immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Seit der Erfindung der Dampfmaschine (James Watt – Patent 1769) findet eine immer schnellere Entkoppelung von natürlicher und kultureller Evolution statt. In diesen letzten 250 Jahren (wir sprechen hier also von ca. 10 Generationen im Vergleich zu mehr als 100.000 Generationen menschlicher Evolution) wurden immer mehr Elemente menschlicher Identität an den Rand gedrängt oder ganz unterdrückt und verdrängt.

Wie kann es sein, dass wir Gefühle nicht mehr zulassen, Bedürfnisse als nebensächlich betrachten und unter Werten nur oberflächliche materialistische Konstrukte verstehen?

Einsamkeit, Zerstörung, Ersatzbefriedigung, Scheinwelten und Sinnlosigkeit breiten sich aus. Die Trennung von uns selbst mit all unseren natürlichen und fest verankerten geistigen, körperlichen und seelischen Elementen führt uns zwangsläufig in ein abnormes Vakuum, in dem wir uns selbst nicht mehr sicher bewegen können und uns deshalb bewusst oder unbewusst nur allzu bereitwillig der Fremdbestimmung ausliefern. Wir nehmen, was uns kurzfristig und schnell stillt. Die Bequemlichkeit des Systems hat uns abhängig gemacht und unsere Instinkte eingeschläfert.

Viele Probleme und Fragen der heutigen Gesellschaft lassen sich genau auf dieses dem Menschen wesensfremde Verhalten zurückführen. In der Orientierungslosigkeit greifen Maßlosigkeit und Verschwendung um sich, weil es kein klares Ziel mehr gibt. Die Ausbeutung anderer Menschen und unserer Umwelt ist eine unbestreitbare Realität der heutigen Welt. Der scheidende Caritas-Präsident Landau hat es wohl treffend ausgedrückt: Es ist genug für alle da, aber nicht für jedermanns Gier. Oder wie schon Epikur schrieb: Der natürliche Reichtum ist begrenzt und leicht zu beschaffen; aber derjenige, der dem leeren Wahn vorschwebt, verfällt ins Uferlose.

Die Rückbesinnung

Es braucht ein Bewusstsein für sich selbst und ein Bewusstsein für die Umwelt und die Gemeinschaft. Jeder Einzelne kann für sich sofort Klarheit finden und damit den Weg für sich in eigener Verantwortung jederzeit anpassen oder ändern. Niemand ist gezwungen, wie eine Schafherde im Alltagstrott mit zu hetzen, mit zu konsumieren, mit zu marschieren. Sich selbst zu kennen und zu verstehen, gibt die dafür notwendige Sicherheit. Sie kommt aus uns selbst und ist nicht die Pseudosicherheit, die dem Irrenden immer wieder wie eine Karotte vor die Nase gehalten wird.

Jeder Einzelne in der Verantwortung: Selbstkenntnis und Selbstgestaltung

Was dazu nötig ist, liegt in unseren eigenen Händen: die tiefe Erkenntnis der Bedeutung unserer Bedürfnisse!

Es beginnt bei uns selbst, indem wir achtsam unsere wahren Bedürfnisse, die uns durch unsere Gefühle klar vor Augen geführt werden, erkennen. Das kann manchmal MUT erfordern. MUT zur Selbstehrlichkeit. Denn sobald wir die Tragweite der Bedürfnisse für unser eigenes Leben und für das Wohl unserer Gesellschaft verstehen, öffnet sich ein neuer Raum. Der AUSTAUSCH mit anderen, um weiteres und tieferes Verständnis zu erlangen, wird zu einem wichtigen Schlüssel, um uns konstruktiv weiterzuentwickeln und gemeinsam Antworten auf die Fragen der Gegenwart und Zukunft zu finden. Dies erfordert, von sich selbst zu erzählen, um einerseits sich selbst besser zu verstehen und andererseits für andere sichtbar zu werden. Es erfordert wahres Zuhören, um andere wirklich zu verstehen. Manchmal braucht es auch hier MUT, um sich wirklich auf andere einzulassen, weil sich auch dadurch schon viel verändern kann, wir neue eindrucksvolle Sichtweisen gewinnen. Lernen wir gemeinsam wieder die Sprache unserer Bedürfnisse, die uns so weit gebracht und schon so viel Positives ermöglicht hat, um gemeinsam an einer lebensWERTen Zukunft zu arbeiten.

Die Stärkung der Gesellschaft durch die Achtung von Bedürfnissen

Besinnen wir uns auf die wahren Stärken einer echten Gemeinschaft, die alle Bedürfnisse auch als ihre Werte anerkennt und lebt. Sie zu achten und zu respektieren, führt auf natürliche Weise auch zu Wohlbefinden, da es mit positiven Gefühlen und der Ausschüttung von Glückshormonen verbunden ist.

Die Reflexion darüber, wie wir unsere Bedürfnisse erkennen und erfüllen können, ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben und einer harmonischeren Gesellschaft.

Hier sind drei Fragen zur Reflexion für dich:

💛 Welche deiner eigenen Bedürfnisse vernachlässigst du oft in deinem Leben?

💛 Wie könntest du die Balance zwischen verschiedenen Bedürfnissen in deinem Leben verbessern?

💛 Welche Schritte könntest du unternehmen, um mehr Achtsamkeit für deine eigenen Bedürfnisse zu entwickeln?

Als Tipp empfehle ich dir, die Sprache-verbindet Bedürfniskarten zu verwenden, um deine eigenen Bedürfnisse besser zu verstehen und auszudrücken.

Wir laden dich herzlich ein, den vollständigen Artikel zu lesen und deine Gedanken und Kommentare dazu zu teilen. Gemeinsam können wir die Sprache unserer Bedürfnisse wieder erlernen und an einer lebenswerten Zukunft arbeiten.

Herzlichst,
Irmgard und Stefan

Stefan und Irmgard Wallner – Foto von Danila Amodeo

 

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