Unklarheit ist wie schlammig-graues Wasser im aufgewühlten Meer bei Sturm und heftigem Wellengang. Alles, was im Wasser zu finden ist, Sand, Muscheln, Kies, Algen, kleine Tiere und manchmal auch Müll von Schiffen oder Strandgut, das die Wellen angespült haben, ist vermischt. Das sonst so klare Salzwasser, das in den schönsten Tönen von hellblau über türkis bis dunkelblau schillert und in der Sonne glitzert, zeigt sich von einer ganz anderen Seite.

Ist es glasklar und ruhig, plätschern leise Wellen gegen die Steine, lecken sanft über die Ufer, streicheln mit geschwungenen Formen den Sand am Strand. Doch wenn der Wind das Meer aufpeitscht und es aus der Tiefe alles umwälzt und seinen Grund an die Oberfläche bringt, zeigt es, was in ihm steckt. Dann kracht es donnernd gegen die Küste. Spritzt bedrohlich weit über die Ufer, scheint es keine Grenzen mehr zu geben. Alles ist aufgewühlt.

Unterschiedliche Unklarheiten

Genauso es ist in uns, wenn wir unklar sind. Dann spülen sich unsere tiefsten Sehnsüchte an die Oberfläche, schnappen wir auslösende Wahrnehmungen aus der Außenwelt auf, lassen sie eindringen, mischen sie mit Bewertungen, die sich in die Tiefe graben und noch mehr in uns aufwühlen. Wir vermischen alles, das in uns ist: von Müll aus der Vergangenheit über Hoffnungsschimmer für unsere Zukunft, Wahrnehmungen mit Gedanken und Gefühlen, jede Welle treibt uns an.

Alles durcheinander, alles aufgewühlt. Die Schwebeteilchen trüben die Sicht. Nichts klar zu erkennen. Man kann sogar Angst bekommen. Angst vor dem, was da im Verborgenen schwimmt. Nur nicht anstoßen! Nichts berühren! Vielleicht ist es aber auch nur eine kleine Unsicherheit, ein Unbehagen. Vielleicht ist es eine große Wut, die da tobt. Oder hilfesuchende Ratlosigkeit. Wir laufen unrund, wenn wir keine oder zu wenig Klarheit haben.

Unklarheit im Inneren eine Situation betreffend

Von beruflichen oder privaten Situationen bis hin zu unseren großen gesellschaftlichen Themen – manchmal wissen wir einfach nicht, wie wir mit einer Situation umgehen sollen. Wenn wir nicht genau bestimmen können, was es ist. Wenn nicht klar ist, wie es weitergehen soll. Wir spüren zwar innerlich, dass es wichtig wäre, klar zu sehen, mögliche Richtungen aufzuzeigen und daraus jeweils klare Handlungen und Konsequenzen abzuleiten. Aber wir wollen das nicht immer. Nicht nur in der Politik! Auch bei uns selbst. Weil es unbequem ist. Weil es noch einen Restfunken Hoffnung gibt, dass es anders kommt, als befürchtet. Weil Weitsicht Taten erfordert, die dann auch verantwortet werden müssen. Im Gegensatz zum Ergebnis der Unklarheit. Wenn das schauderhafte Ergebnis mit der erschreckenden Antwort kommentiert wird: Ja, das konnte man ja nicht wissen!

Innere Unklarheit mit vielen Auslösern

Es kommt vor, dass wir selbst in unseren eigenen Angelegenheiten von Unklarheit betroffen sind. Es zwickt und zwackt dann überall, wir merken immer öfter, was alles nicht passt. Wir stellen uns selbst in Frage, hinterfragen die anderen und alles, was wir bisher getan haben und worum wir uns bemüht haben. Und das soll das Ergebnis sein? Das kann es nicht sein!

Während wir so unrund laufen, können wir die Ursachen im Außen suchen, uns ablenken lassen, in alte Muster zurückfallen oder wir vertrauen unseren Gefühlen. Vertrauen uns selbst. Dass da etwas in uns ist. Etwas, das wir noch nicht sehen, noch nicht erkennen, nur spüren können. Wir können ihm aufmerksam lauschen und Klarheit suchen, bis es aufbricht! Bis wir erkennen, was da im Verborgenen gegärt hat und sich nun Luft und Raum verschafft. Das kann uns erschrecken. Es kann uns erschüttern. Das kann uns zutiefst traurig machen. Und zugleich erleichtern. Denn endlich haben wir Klarheit. Und wenn wir klar sehen, klar verstehen, wird alles leichter! Wir wissen, wo wir anfangen können und was zu tun ist. Wir können Schritt für Schritt mit dem Aufräumen beginnen und unser Leben von dem befreien, was uns gefangen gehalten hat.

Innere Klarheit – Unklarheit, wie wir es sagen sollen.

Weil wir uns nicht ausdrücken und damit verständlich machen können, deuten wir an und schweigen wir.

Immer wieder klopfen unsere stillen Wünsche an unseren Kehlkopf, wollen nach draußen, wollen eine Chance auf Verwirklichung bekommen. Aber wir trauen uns nicht, sie auszusprechen. Vielleicht würden wir uns damit entblößen oder eine unbekannte Seite zeigen, eine Seite, mit der wir selbst noch nicht so vertraut sind. Wir haben noch keine starke Position, die wir leicht zeigen und bei Bedarf verteidigen können. So bietet uns die Unklarheit auch einen gewissen Schutz. Gut durchgekaut, schlucken wir unsere Wünsche wieder hinunter.

Innere Klarheit – Unklarheit aus Angst vor den Konsequenzen.

Die Fakten sprechen für sich. Es gibt etwas Wesentliches. Ein gravierender Unterschied zwischen zwei Menschen, den man nicht offensichtlich werden lassen will. Was unweigerlich der Fall wäre, sobald er klar ausgesprochen würde. Er würde Konsequenzen nach sich ziehen, die alles verändern würden. Wir spüren, dass es so nicht stimmt. Wir wissen es. Aber ein inneres Zögern, eine unbestimmte Angst hält uns zurück. Was würde die Offenbarung bedeuten? Sind wir darauf vorbereitet? Was geschieht dann?

Innere Unklarheit und Schmutz nach außen

In Konfliktsituationen sehen wir nur den Schlamm, das trübe Wasser. Wir nehmen auf, was jemand tut oder sagt, und drehen uns mit jeder Welle. Sobald wir kurz aus unserem Brei von Frechheiten, Unverschämtheiten und all den anderen Urteilen, die uns umtreiben, auftauchen, greifen wir die nächsten Verfehlungen der betreffenden Person auf. Ja, wir haben sie im Visier. Wir sind so erregt, dass uns schlecht wird. So lassen wir uns nicht behandeln! Bis wir uns bei (un)passender Gelegenheit schwallartig übergeben. Alles, was uns dann aus dem Mund kommt, sind verallgemeinernde, pauschale Vorwürfe und Schuldzuweisungen. Nicht hörenswert, nicht sehenswert, schwer zu klären. Nicht in diesem Moment.

Niemand will so angegangen werden!

Was? Es reicht nicht? Wir erfahren Gegenwehr? Nein, wir können uns wirklich nicht mehr ruhig, klar und wertschätzend ausdrücken und verständlich machen! Weil wir so unter Druck stehen, tun wir es trotzdem und fahren jetzt andere Geschütze auf. Voll geladen mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen nehmen wir die Betroffenen ins Visier. Weil wir nicht klar sehen, schießen wir wie wild um uns.

Diese Geschosse gehen unter die Haut! Wer sich hier nicht zu schützen weiß, wird tief getroffen. Was bleibt, sind Wunden und Verletzungen. Geklärt ist gar nichts.

All diese Ausbrüche sind nichts anderes als Unklarheiten, die der eigenen Klärung bedürfen und in jedem Fall der Klärung durch den Betroffenen. Die Klärung dessen, was wir anderen mit Sicherheit nicht mehr erlauben. Die Klärung, wie wir miteinander reden und umgehen, wenn etwas stört. Und schließlich die Klärung, worum es überhaupt geht, was Sache ist.

Immer wieder wird die Unklarheit bewusst als Mittel zum Zweck eingesetzt, weil sie wirkt:

  • Die klare Absicht wird verschleiert.
  • Ein klares Nein als Antwort ist nicht möglich.
  • Man lässt das Gegenüber im Unklaren.
  • Man schafft Abhängigkeiten bei der gebenden Person.
  • Die eigene Absicht muss nicht begründet werden.
  • Es lässt noch Schlupflöcher offen.
  • Auf Nachfrage kann verneint werden.
  • Die wahre Absicht kann noch erweitert werden.
  • Man steht nicht als Bösewicht da.

 

Doch warum reden und zeigen sich manche Menschen nicht offen? Was erfüllen sie sich dadurch?

Der Zweck kann sein:

  • SCHUTZ – wenn man nichts deutlich sagt, damit einen niemand „angreifen“ kann.
  • FLEXIBILITÄT – wenn man sich andere Wege offen hält.
  • GESICHT WAHREN – wie bei Schutz.
  • EMOTIONALE SICHERHEIT – wenn die Aufmerksamkeit auf den anderen gerichtet ist. Man tut so, als ginge es um den anderen, nicht um sich selbst!
  • (SCHEINBARE) HARMONIE
  • HILFE bekommen, UNTERSTÜTZUNG bekommen,
  • FREIHEIT – in Bezug auf die Absichten
  • BEWEGUNG – vor allem andere zu bewegen, zu manipulieren, etwas zu tun, was einem selbst dient.
  • MITGESTALTUNG – damit alles so läuft, wie man es sich vorstellt, deshalb versucht man, andere dazu zu bringen, sich so zu verhalten, wie man es sich vorstellt.
  • (SCHEIN-)FRIEDEN – man sagt, tut und will nichts!
  •  SELBSTBESTIMMUNG

Fällt dir noch etwas ein, das ich hier nicht berücksichtigt habe?

All das sind Bedürfnisse, die wir verstehen können. Das Verhalten dazu trägt jedoch nicht zu einem besseren Miteinander bei. Was wirklich schade ist!

Da braucht es KLARHEIT

Doch KLARHEIT braucht manchmal auch MUT. MUT, genau hinzuschauen. Sie erfordert schonungslose EHRLICHKEIT, schon im ersten Schritt, wenn wir uns alle bekannten Fakten ohne Beschönigungen und falsche Hoffnungen vor Augen führen und im zweiten Schritt deutlich machen, worum es uns geht. Was uns wirklich wichtig ist. Worauf wir WERT legen. Und worauf nicht!

Menschen, die sich KLAR sind, dass sie selbst für ihr Leben verantwortlich sind, sind auch selbst ermächtigt, klar für sich einzustehen. Dann gibt es keine Ausflüchte oder Schuldzuweisungen an andere. Es geht eben nicht immer um richtig oder falsch, sondern oft um persönliche Antworten auf die Fragen des Lebens. Das sind dann Klarstellungen, die wie Markierungen auf einem Wanderweg bleiben. Damit folgen wir nicht irgendeiner Horde, sondern suchen uns unseren eigenen Weg.

Klarheit bezieht sich auf die persönliche Sichtweise und muss anderen nicht gefallen oder von außen für richtig und gut befunden werden. Sie kommt aus uns selbst und basiert auf unseren eigenen Erfahrungen, Bedürfnissen und Gefühlen. Nur wenn wir mit uns selbst im Einklang sind, können wir wirklich klar sein und nach außen entsprechend auftreten.

Klarheit zeigt sich in einer klar abgrenzbaren Haltung, Position oder Meinung, die sich von anderen unterscheidet. Sie ist kein undefinierbares Sammelsurium, sondern eine erkennbare und nachvollziehbare Position, mit der andere natürlich nicht übereinstimmen müssen. Klare Menschen zeigen sich mit all ihren Ecken und Kanten. Manchmal gelten sie deshalb auch als kompromisslos, hart oder undiplomatisch, weil sie eben nicht dem anerkannten Mainstream entsprechen. Dabei sind sie einfach nur klar.

Was KLARHEIT möglich macht

KLARHEIT macht vieles möglich. Was passiert, wenn Klarheit auf dem Tisch liegt?

  • Die Sache ist ausgesprochen und eindeutig erkennbar.
  • Unser Gegenüber weiß, wie wir über eine Sache denken und worauf wir WERT legen.
  • Wir haben eine Entscheidung getroffen und ausgesprochen.
  • Jetzt geht es darum, mit dieser Klarheit auch zu handeln.
  • Die ausgesprochene Klarheit wird zu einer gemeinsamen Beobachtung und Basis für weitere Kommunikation.
  • Plötzlich ist Licht im Dunkeln und es kann direkt auf diese Klarheit reagieren werden.
  • Klarheit ist ein Scheinwerfer, der Wesentliches in unserem Leben beleuchtet und in den Fokus rückt.
  • Klarheit in einer Sache ist auch motivierend für Klarheit in anderen Dingen.
  • Wenn wir es gewohnt sind, Klarheit zu suchen, ist es ein Training, und es fällt uns immer leichter.
  • Klarheit schafft Ruhe im Kopf.
  • Wir können besser für uns einstehen, wenn wir uns selbst gegenüber klar sind.

 

Ein klarer Schluss

In den stürmischen Zeiten unseres Lebens können wir manchmal im trüben Wasser der Unklarheit treiben. Aber wir haben die Macht, das Wasser zu klären und Klarheit zu schaffen. Mit Mut und Ehrlichkeit können wir den Schlamm der Zweifel und Ängste abschütteln und unsere wahre Richtung finden. Klarheit ist unser Kompass, sobald wir unsere wahren Bedürfnisse und WERTE erkennen, die uns den Weg weisen und uns ermutigen, uns für das, was uns wichtig ist mit Entschlossenheit einsetzen.

Wenn wir uns selbst klar sind, können wir auch die Welt um uns herum klarer sehen und unser Handeln danach ausrichten. Lassen wir uns also nicht von der Unklarheit einschüchtern, sondern setzen wir mutig Kurs auf Klarheit und Selbstbestimmung!

Wann hast du das letzte Mal Klarheit in einer Situation geschaffen?

Welche Auswirkungen hatte dies?

Welche Ängste oder Zweifel hindern dich daran, klar für deine Bedürfnisse und Meinungen einzustehen?

Wie kannst du mehr Klarheit in deinem Leben schaffen?

Welche Schritte setzt du dafür?