„Eigenlob stinkt!“ – Das hat man uns von Kindesbeinen an eingetrichtert. Statt eigene Erfolge herauszustellen, raten uns Marketingexperten daher auch, lieber andere über unsere Leistungen sprechen zu lassen. Denn: Angeber sind wie Luftballons – viel heiße Luft, die schnell verpufft. Ein weiterer Hinweis lautet: Tue Gutes und sprich nicht darüber. Ja, man muss es sagen: Bescheidenheit ist eine Zier.

Zumindest in unseren (Kultur-)Kreisen! Lesen wir als Österreicher ein Bewerbungsschreiben eines Amerikaners, bleibt oft der Mund offen vor Staunen, wie detailliert selbst Kleinigkeiten dargestellt werden. Mit Stolz und breiter Brust werden erreichte Ziele und Leistungen präsentiert.

Ein anderer Kulturkreis und damit ein anderes soziales Umfeld können ein ganz anderes Verhalten zur Norm erheben. Dabei geht es nicht darum, was richtig oder falsch ist, sondern darum, unterschiedliche Herangehensweisen an ein Thema anzuerkennen. Es lohnt sich, die Perspektive zu wechseln, um die Vorteile des nicht Bekannten zu erkennen. Diese Betrachtung unterschiedlicher Ansätze kann wertvolle Erkenntnisse liefern.

 Vom FEIERN

Ich beginne meine fast täglichen Morgenseiten (Morgenseiten, inspiriert von Julia Cameron und ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“, und für meinen Bedarf adaptiert) damit, meine persönlichen Erfolge zu feiern. Ich schreibe auf, womit ich in meinem Leben sehr zufrieden bin, wofür ich dankbar bin, worüber ich mich freue, liste auf, welche einzelnen Schritte ich auf dem Weg zu meinen Zielen am Vortag durchgeführt habe und freue mich über meine Fortschritte. Wenn ich an manchen Tagen nicht viel geschafft habe, finde ich trotzdem genug, worüber ich mich freue, was ich feiere, und sei es, dass ich wieder einmal ohne Wecker aufgewacht bin und gut geschlafen habe. An anderen Tagen nimmt dieser Teil des Feierns eine gute Seite oder mehr ein.

Ja, ich schreibe alles auf. Und nein, ich bin mir nicht zu blöd, das, was ich schon gemacht habe, noch einmal aufzuschreiben. Weil es für mich wichtige Schritte sind, die durch das Erinnern, Bewusstmachen und Aufschreiben noch mehr Kraft bekommen. Es ist Dünger für mein SelbstVERTRAUEN (dass ich mir selbst vertrauen kann, dass ich mir gut tue, dass ich in meinem Sinne und nach meinen Interessen handle) und für meine SelbstWIRKSAMKEIT (auch eine Form der Selbstermächtigung). Ich habe es in der Hand, ob ich das umsetze, was für meine Wünsche und für mich gut ist!

 Vom MITFEIERN

Ich feiere für mich und ich lade dich ein, mit mir zu feiern. Freu dich mit mir. Das darf auch ein Anreiz und ein Ansporn für dich sein. Dieses wechselseitige Wohlwollen wird angestrebt. Es geht ausdrücklich nicht darum, den anderen hinunterdrücken oder klein zu machen.

Es geht um ein Nebeneinander, ein Hand in Hand Miteinander, das viel sinnvoller und effektiver ist als ein Übereinander.

Ich will nicht überheblich sein, weil ich etwas getan habe und etwas gelungen ist. Nein, ich will es dir zeigen und meine Freude mit dir teilen. Dieses Feiern und Mitfreuen will gelernt sein, wenn wir es in unserer Erziehung nicht so erfahren haben. Es ist kein Loben, sondern die reine Wertschätzung für das Gelungene steht im Mittelpunkt. Es ist kein „Ich bin besser“ oder „Schau, was ich alles habe.“ Ganz und gar nicht. Ich zeige beispielsweise, was ich nun geschafft habe, das mir vorher nicht möglich war.

Bestärken, motivieren, anspornen gibt letztendlich Selbstvertrauen auch für unsere Umgebung. Es funktioniert, warum also nicht auch bei anderen? Deshalb kommt etwas in Bewegung, wenn dieses Feiern zur Gewohnheit wird.

Dann kann ich auch andere mit voller Freude feiern. Mich ehrlich und absichtslos mitfreuen. Aufmerksam im Positiven auf andere schauen und von ihnen lernen und mich anregen lassen. Das macht einen Unterschied.

Es ist nicht der Hunger nach Anerkennung. Kein „Was habe ich und wer bin ich im Vergleich zu dir“. Kein „Ich will immer etwas höher stehen als du“ und bei mir selbst Neid aufkommen lassen, wenn das nicht erfüllt wird. Hier gibt es eine klare Abgrenzung.

Feiern üben

„Feiern“ ist ein wichtiger Bestandteil unserer Ankommensrunden während der Übungsabende. Ich frage alle: „Was hast du zu feiern? Was hast du für dich getan, das du feiern möchtest?“ Es geht darum, alles zu würdigen, egal ob es klein oder groß erscheint!

  • Vielleicht ist dir etwas bewusst geworden oder aufgefallen – das verdient Anerkennung, weil es sonst leicht im Alltagstrubel untergeht und wieder verschwindet.  Was verloren gegangen ist, kann auch nicht mehr bewusst genutzt oder verändert werden. Es existiert nicht mehr. Das bewusste sich daran Erinnern und Würdigen holt es wieder vor den Vorhang. Aufgeschrieben und mitgeteilt bleibt es besser im Gedächtnis und somit wirksam.
  • Vielleicht hast du etwas für dich selbst getan. Je mehr wir für uns selbst einstehen, desto mehr wohltuende Hormone werden ausgeschüttet und tragen zu unserem Wohlbefinden bei. Das stärkt unsere Selbstwirksamkeit.

„Sich um seine eigenen Bedürfnisse zu kümmern, fühlt sich oft wie eine Last an, aber wenn Sie von anderen abhängig sind, die Ihre Bedürfnisse für Sie befriedigen, entgehen Ihnen die Glückshormone, weil diese nur stimuliert werden, wenn man sich um seine eigenen Bedürfnisse kümmert.“

Zitat aus: Die Chemie des Glücks: Wie wir unsere Hormone beeinflussen und das Gehirn dauerhaft auf Glücklichsein einstellen : Breuning, Loretta Grazia: Amazon.de: Books

  • Vielleicht hast du auch etwas Neues ausprobiert. Auch das verdient (vor allem die eigene) Anerkennung, denn es erfordert MUT, sich auf neue Wege einzulassen und spielerisch mit Herausforderungen umzugehen. Nur so können wir ernsthafte Erfahrungen sammeln und in weiterer Folge bewusste Entscheidungen treffen.
  • Vielleicht ist dir etwas gelungen, frage ich weiter. Auch das sollten wir feiern. Vor allem in der Kommunikation. Denn wenn dir etwas gut gelingt, dann merken die anderen zwar, wie angenehm das Gespräch war, wie fein das mit dir war. Sie wissen aber meist nicht, was du im Vorfeld dafür investiert hast. An Vorbereitung. An Zeit. An Arbeit an und mit dir selbst. Deshalb ist es so schön, sich über das Ergebnis zu freuen. Es wertzuschätzen. Es sind diese wertvollen Begegnungen, die dich anspornen, am Ball zu bleiben, mehr von diesen feinen Gesprächen mitgestalten und erleben zu wollen.

Angeben versus Feiern

Nein, es geht nicht um Selbstbeweihräucherung! Du weißt schon, das Eigenlob, von dem wir in Dauerschleife gehört haben, dass es stinkt.

Nein, es geht auch nicht um Angeberei im Sinne von: „Seht her, wie gut ich bin!“ „Ich bin besser als ihr!

Das ist uns so eingeimpft worden, dass es vielen Menschen schwerfällt, sich selbst zu feiern! Sie würden es gerne in bestimmten Momenten tun, wenn die Freude groß ist. Wenn sie stolz sind. Aber die Angst davor, als AngeberIn dazustehen, dämpft die Lust am Mit-Teilen.

Die Sorge, Neid zu erregen, falsch eingeschätzt oder gar abgewertet zu werden, lässt die Freude schrumpfen. Das kann man nur den engsten Vertrauten erzählen! Die verstehen das! Die können sich mitfreuen. Hoffentlich.

Das Leben feiern

Das LEBEN FEIERN ist eines meiner Jahresbedürfnisse 2024. Nach allem, was in den letzten Jahren passiert ist und was wir uns selbst geschaffen haben, ist es jetzt besonders wichtig!

Das LEBEN FEIERN ist auch ein Gegengewicht zu all dem, was wir in den Nachrichten lesen und hören. Es geht um die WERTSCHÄTZUNG des Lebens an sich. Wie gut es mir und uns geht. Den Blick auch auf das zu lenken, was wertvoll, was kostbar ist und uns gut tut.

Ich erinnerte mich an John Streleckys Buch „Big Five for Life„, in dem er fragt, ob heute ein guter Museumstag sei. Er meint, dass das Leben wie eine permanente Aufzeichnung ist, die all unsere Worte, Taten, Orte und Begegnungen festhält. Stell dir vor, man würde dir zu Ehren ein Museum errichten, das die Momente deines Lebens zeigt. Wie viele Bilder von erfüllten Momenten würden dort hängen? Jeder Tag, an dem du mindestens ein schönes Bild hast, das dein Leben lebenswert macht, ist ein guter Museumstag.

Dann habe ich an mir bekannte Menschen gedacht, die es gerade nicht leicht haben. Aus gesundheitlichen Gründen oder weil sie gerade beruflich oder privat viel zu tragen haben. Ich erinnerte mich daran, wie gut es mir getan hat, auf dem Weg durch schwere Zeiten schöne Bilder geschickt zu bekommen oder zu sehen. Was für eine Wohltat! Was für ein kurzes Aufatmen! In eine andere Welt einzutauchen! In andere Zustände!  Auf andere, auf schöne Gedanken kommen! Freude teilen und Freude bereiten, das waren unter anderem meine Beweggründe, kurze Videos mit schönen Bildern von Sonne und Meer zu drehen. Garniert mit ein paar motivierenden Gedanken. Mit kleinen Tipps zum Erinnern und Bewusstmachen dessen, was zwar bekannt, vielleicht aber gerade vergessen ist.

Vom Runterdrücken und Raufziehen

Wie sehr habe ich mich gefreut, als ich Nachrichten erhalten habe, dass diese Freude tatsächlich angekommen ist. Wie gerne mit gefolgt wird. Wie gut die Videos tun. Das hat mich ermutigt und gefreut. Auch, dass mir sogar echt tolle Idee für weitere Videos zugeschickt worden sind! (diese kommen noch )

Und dann bekam ich eine Rückmeldung von einer Frau aus einem Kurzvideokurs, die mich sonst nicht kennt. „Klar, das sieht schön aus und da möchte man auch gerne sein. Aber: Was willst du mit diesem Film erreichen? Mein erster Gedanke war, dass ich jetzt nicht dort sein kann, weil ich hier in Deutschland im Regen sitze und an einem Seminar teilnehme. Natürlich freue ich mich darauf, aber ich kann nicht alles so machen wie du“.  Sie fügte hinzu, dass die sonnigen Bilder wie Selbstdarstellung wirken könnten und die Zuschauer sich vielleicht nicht identifizieren könnten. Ich solle darüber nachdenken.

Ich habe den Ball aufgenommen und bin mit der Frau ins Gespräch gegangen. Damit wir uns auf einer anderen Ebene begegnen und verstehen können. VERSTEHEN und VERSTEHEN WERDEN ist für mich ein hoher Wert.

Aber dieses Feedback (das noch viel länger war) zeigt etwas, das mit FEIERN und unserer Fähigkeit MITzuFEIERN zu tun hat! Etwas WESENTLICHES!

Es gibt zwei Möglichkeiten, mit Wahrgenommenem umzugehen: Mitfeiern, Mitfreuen, sich positiv mitreißen lassen oder den anderen von seinem hohen Ross herunterholen wollen! Runterziehen! Dorthin, wo die anderen auch sind! So gut soll es ihm nicht gehen! Wo kämen wir da hin! Es kann ja nicht jeder da hingehen und es so schön haben!!! Ob es Videos sind oder sonst was. Die Sache ist, wie sie ist. Ob die emotionale Antwort Mitfreude oder Neid ist, sagt etwas über diese Person aus und nichts über die Sache selbst.

Über die FREUDE

Freude hat viele bunte Gesichter: beflügelt, hocherfreut, motiviert, locker, lustig, froh, fröhlich, verzaubert, berührt, überwältigt, beeindruckt, bewegt, angetan und viele mehr.

Freude hat bemerkenswerte Eigenschaften!

Wenn wir uns weniger oder gar nicht freuen, hat deswegen niemand mehr Freude. Wenn wir uns also freuen und uns absichtlich weniger freuen oder es verstecken, weil es jemand anderem nicht so gut geht, dann hat dieser Mensch dadurch nicht mehr Freude. Es gibt keinen Gewinn!

Wenn wir Freude teilen und sie fällt in ein tiefes schwarzes Loch, weil der andere das nicht erträgt oder sich vor Neid windet, dann verlieren auch wir die Freude. Da kann es einem echt vergehen.

Wenn wir Freude teilen und andere sich mit uns freuen, dann ist es egal, wo sie gerade stehen, ob sie gerade anstrengende, schwierige oder herausfordernde Zeiten in ihrem Leben durchleben, oder ob sie gerade entspannt, dankbar oder etwas anderes sind. In dem Moment, in dem sie sich mitfreuen, empfinden sie Freude. Wer Freude teilt und auf Menschen trifft, die sich ehrlich mitfreuen können, der vermehrt Freude. Dadurch haben mehr Menschen mehr Freude. 

Anstatt uns also gegenseitig runterzudrücken und klein zu machen, können wir uns wechselseitig nach oben ziehen. Indem wir Freude teilen. Ich erzähle dir, was mich freut, lasse dich teilhaben an dem, was mir gelungen ist, wofür ich dankbar bin, was ich schätze, was mir aufgefallen oder bewusst geworden ist. Und du kannst dich mitfreuen. Wie sehr mich das doch freut, wenn ich von anderen höre, was ihnen aufgefallen oder bewusst geworden ist, was bei ihnen gerade gut läuft, was sie mit Freude und Stolz erfüllt. Ich kann mich da so mitfreuen, dass diese Freude meiner Freude entspricht. Dann erlebe ich in diesem Moment diese Freude. Welch kostbarer Augenblick.

Was du also für dich feiern kannst

Fang, wie immer, bei dir selbst an. Stolz ist ein stark positives Gefühl. Welche anderen sonnigen, angenehmen Gefühle nimmst du in dir wahr? Es geht hier nicht um Anerkennungshunger, Geltungssucht oder Überlegenheitsdenken. Du kannst dich auch selbst feiern, bist dabei nicht auf andere angewiesen.

Schreib auf, freu dich und feiere dich, wenn du …

  • etwas selbst geschafft hast, wo zunächst nicht klar war, ob du das Ziel erreichst.
  • viel Energie in etwas gesteckt hast und es dir schließlich gelungen ist.
  • lange geübt und trainiert hast und es aufgegangen ist.
  • auf etwas verzichtet hast, um dein Ziel zu erreichen.
  • lange gemacht und getan hast, bis du dich wohlverdient zurückziehen konntest.
  • gewürdigt wurdest für das, dass du umgesetzt hast.
  • ein Danke empfangen hast.
  • Wenn gesehen wurde was du beigetragen hast.

Schön, wenn du jemanden hast, mit dem du das teilen kannst!

Gemeinsam feiern

In einer guten Partnerschaft, guten Freundschaft oder einer guten Gemeinschaft können wir uns auf diese Art wunderbar abwechselnd hinaufziehen. Diese Einstellung motiviert uns und andere und schafft eine positive Dynamik in unseren Beziehungen und beim Erreichen von Zielen.

Es lässt uns alle blühen. Aufblühen. Wenn jeder Mensch in dem, was er gerne und gut macht, mit seinen höchstpersönlichen Fähigkeiten, Kenntnissen sich weiterentwickelt, sich freut und feiert. Und das wahrgenommen wird. Gesehen wird, mitgefreut und mitgefeiert wird. Wenn es nicht um besser und schlechter geht. Sondern um die Freude, wer was zu schaffen und zu leisten vermag. Wenn wir die Leistungen anderer honorieren, schätzen. Wohin könnten wir als Gemeinschaft wachsen!

Die gute Nachricht: Dieser Ansatz belohnt uns mit Dopamin auf dem Weg zum Ziel und mit Serotonin, wenn wir es erreicht haben. Und das gemeinsame Feiern sorgt für reichlich Oxytocin bei allen Beteiligten. Welch köstlicher Hormoncocktail! Prost!

Wie ist das bei dir? Was hast du zu feiern?

Was ist dir aufgefallen oder bewusst geworden?

Was hast du Gutes für dich und deine Bedürfnisse getan?

Was hast du ausprobiert und welche Erfahrungen hast du gesammelt?

Was ist dir gelungen?

 

Beitragsbild von Emir Memedovski; Getty Images SignatureWir feiern gerade ganz besonders unser Buch! Erhältlich im Buchhandel