Warum klafft so oft eine große Lücke zwischen dem, was der Sprecher aussendet, und dem, was beim Zuhörer ankommt? Alles ist klar und ohne Störgeräusche zu verstehen, und doch hat das Gehörte eine andere Bedeutung bekommen, als das, was der Gesprächspartner gemeint hat. Wie kann das sein? Alles war klar ausgedrückt, die Erklärungen schlüssig, die Botschaft eindeutig.

Die Herausforderung des richtigen Verstehens

Wir als Sender haben nicht den geringsten Zweifel, dass unser Gegenüber uns jetzt folgt, an unseren Lippen hängt und unsere Worte mit großer Dankbarkeit aufnimmt und wirken lässt. Nun ja, zumindest, dass er uns aufmerksam zuhört und mitkommt. Voller Euphorie berichten wir, teilen Zusammenhänge und Schlussfolgerungen, Wissensergüsse und Weisheiten, oder Lebenserfahrungen und doch passt da irgendetwas im Gesichtsausdruck des Empfängers nicht zu diesem Bild, das wir mit Hingabe gemalt haben.

Missverständnisse und ihre Folgen

Dieses Nicht-verstanden werden kann uns auf die Palme bringen und verzweifeln lassen. Zuerst bemühen wir uns vielleicht noch, den anderen mit Geduld und Wiederholung zum Verstehen zu bringen, dann versuchen wir es womöglich mit Druck. Wir kämpfen, bis wir entkräftet resignieren. „Das macht doch keinen Sinn! Du verstehst mich nicht! Du verstehst nicht, worum es mir geht!“

Warum das Verstehen scheitern kann: Häufige Stolpersteine

In der Partnerschaft, im Beruflichen oder anderen Settings, passieren kann es überall. Das kann unterschiedliche Gründe haben.

Die Illusion des Verstehens. Einer der Wohnungseigentümer hatte das Thema im Vorfeld klar angesprochen, schriftlich nachgefasst und ein Vergleichsangebot eingeholt. Er freute sich, dass die Hausverwalterin die Sache endlich ernst nehmen würde. Als es dann zur Sache ging, kam alles anders. Er war wie vor den Kopf gestoßen. Was sollte das? Hat diese dumme Kuh, Entschuldigung, diese Hausverwalterin denn gar nichts verstanden?

#1  Nur von sich ausgehen

Doch, doch! Die Hausverwalterin hat etwas verstanden. Etwas. Nicht das, was gemeint war. Sie hat es mit ihren Sinnen wahrgenommen und ihm dann seine Bedeutung gegeben, ohne sich zu vergewissern, ob es auch so gemeint war.

Wenn jemand in einer solchen Situation dann sagt: „Hallo, ich habe den Eindruck, ich bin noch nicht (richtig) verstanden worden.“ Und wenn er es dann mit anderen Worten erklärt und die Angesprochen nicht merkt, dass sie auf dem falschen Dampfer ist, wird sie wieder nur das „verstehen“, was in IHRER Vorstellung, in IHREM Kopf schon ist. Nämlich: Ich habe es sowieso schon verstanden. Ich habe keine offenen Fragen mehr.

Die offene Frage wäre aber die entscheidende: „Was wollen Sie mir eigentlich sagen?“

Die Annahme „Das habe ich schon verstanden“, ohne weiter über die Bedeutung oder Wirkung nachzudenken oder einfach das Verstandene zusammenzufassen und nachzufragen, ob es stimmt, ist eine schnelle Stolperfalle. Diese Diskrepanz zwischen Gemeintem und Verstandenem ist ein Missverständnis, das zu Unmut führt und sich, wenn es nicht aufgelöst wird, zu Konflikten und negativen Konsequenzen auswachsen kann.

#2 Die Gewohnheit des Antwortens

Wir sind mehr daran gewöhnt, Tiki-Taka-mäßig in schneller Abfolge zuzuhören und zu antworten. Es bleibt keine Zeit, über das Gehörte nachzudenken, es in Ruhe zu erfassen, es kann nicht wirklich verstanden werden. Für den Zuhörer sind es nur belanglose Worthülsen, die ihm Zeit geben, über seine eigene Antwort nachzudenken. Zwei Menschen reden völlig aneinander vorbei.

#3 Fehlende Bereitschaft zur Auseinandersetzung

Manchmal liegt es daran, dass wir nur passiv zuhören. Der Strom des Gesagten plätschert an uns vorbei wie das Geplapper im Radio. Oberflächlich. Das Wesentliche, die Intention der Botschaft hinterlässt keinen Eindruck bei uns. Geht an uns vorbei und ist schon verpasst.

#4 Übersehen von Unterschieden

Es geht nicht nur darum, Informationen aufzunehmen und irgendwo zu speichern, sondern auch darum, ihre Bedeutung zu verstehen. Unterschiede in der Sprache, in der Definition von Wörtern, im technischen Wissen, im Know-how, in Erfahrungen, in der Kultur, manchmal auch nur in der Perspektive auf eine Sache beeinflussen, wie wir Botschaften aufnehmen und ob wir ihre Bedeutung nachvollziehen können.

#5 Nur keine Blöße geben!

Wenn wir etwas gehört, aber nicht wirklich verstanden haben und Angst haben, uns zu blamieren, wenn wir nachfragen oder zugeben müssten, dass wir etwas nicht wirklich verstanden haben, dann ziehen manche zum Selbstschutz Mauern hoch wie Lärmschutzwände an der Autobahn! Ich möchte mir keine Blöße geben, also tue ich so, als hätte ich es verstanden.

Dumm nur, wenn der andere das merkt. Wenn er sich bemüht, richtig verstanden zu werden, wenn er es geduldig, langsam und deutlich erklärt, mit anderen Worten, mit Bildvergleichen, mit Händen und Füßen. Dann kann das durchaus hilfreich sein. Es kann aber auch passieren, dass alle Bemühungen von der Lärmschutzwand absorbiert werden. „Ich habe Sie schon verstanden“, ist alles, was zurückkommt. Inhaltsleer.

Jetzt steigt der Druck! Es geht nicht mehr nur darum, verstanden zu werden! Es geht darum, dass die Wichtigkeit des Verstehens und das Erklärte ernst genommen werden. Und dass daraus beim anderen auch das richtige Handeln abgeleitet wird. Ein aussichtsloses Unterfangen.

#6 Beruhigen statt verstehen wollen

„Ich will das richtig verstanden haben!“, der Ton wird schärfer. Und als der Redner von vorne ansetzt: „Ich sage Ihnen jetzt noch einmal die Fakten“, wird er schon unterbrochen: „Ich verstehe, dass Sie das aufregt, dass Sie das geklärt haben wollen. Ich kann nichts dafür, dass das so ist. Ich kümmere mich darum.“

Diese Person, die nicht verstanden hat, worum es ihrem Gesprächspartner geht, meint nun beruhigen zu müssen. Ganz professionell. Beruhigen und Deeskalieren ist jetzt angesagt. Wer in dieser Situation Sätze aus dem Kommunikations- oder Deeskalationstraining verwendet und sich wundert, dass sie nicht wirken, ja, der hat wirklich nichts verstanden! Nicht in der Situation, nicht im Seminar!

#7 Vorgefasste Meinungen

Wenn Menschen bereits eine vorgefasste Meinung zu einem Thema haben, können diese Vorurteile dazu führen, dass neue Informationen, die nicht in das eigene Bild passen, ausgeblendet, weggefiltert oder so interpretiert werden, dass sie zu den bestehenden eigenen Überzeugungen passen.

Statt zuzuhören, was der andere sagt, wird nur die eigene Position gefestigt. Statt verstehen zu wollen, werden passende Worthülsen nachgeladen und abgefeuert.

Fakten, die mitgeteilt werden, sind dann wie Puzzleteile, die nicht ins Bild zu passen scheinen und deshalb achtlos zur Seite geworfen werden. Interessiert mich nicht. ICH weiß, wie das ist. Schließlich kenne ich mich aus!

Würden wir uns ernsthaft mit dem Gehörten auseinandersetzen und die neuen Teile genau betrachten, bestünde die „Gefahr“, dass sich ein neues, ein anderes Bild ergibt und wir sogar unsere Meinung ändern müssten.

#8 Ängste als Barrieren

Manchmal hindert uns die Angst daran, wirklich zuzuhören, wirklich verstehen und begreifen zu wollen. Denn es könnte sein, dass wir mit etwas konfrontiert werden, mit dem wir (noch) nicht umgehen können. Etwas, das uns überfordern könnte. Und das wollen wir nicht.

Wenn wir befürchten, dass wir mit dem Paket, das da auf uns zukommt und von dem wir nicht wissen, was wir damit anfangen sollen, nicht umgehen können, dann hilft uns die Scheu, nicht wirklich hinzuschauen. Klappe zu. „Ja, ja, ich verstehe.“

Eine andere Sorge kann sein, dass Verstehen als Zustimmung, als gut finden oder gutheißen angesehen wird, und das wollen wir oft gar nicht.

Oder wenn wir Angst haben, dass Verstehen damit gleichgesetzt wird, dass wir jetzt etwas für die Person tun müssen, die wir verstanden haben. Etwas, wozu wir nicht bereit sind.

#9 Schubladisieren

Jede Begegnung, jedes Gespräch findet nur einmal statt! Ein einziges Mal! Wenn wir schon vorher „wissen“, was der andere sagt, was er denkt, weil er so ist, wie er ist, dann kann er sagen, was er will. Irgendwann kommt dann das Wort, auf das wir gewartet haben, oder eine Aussage, die uns auf die Schenkel klopfen lässt! Unser Einsatz folgt: „Ich hab’s ja gewusst! Typisch …!“ 

Verstehen wollen stand dabei nicht am Programm!

#10 Kein Interesse

Die Wurzel des Verstehens ist die Beziehung zum anderen und das Interesse an ihm. Ich bin interessiert. Ich will DICH verstehen. Es kann auch die Beziehung und das Interesse zu einem Thema sein. Ich will DAS verstehen.

Wenn wir dieses Interesse nicht haben, gibt es keinen Kontakt. Es findet kein wertschätzender Austausch statt, der Ball wird nur belanglos zurückgespielt. Das „Ich verstehe schon.“ heißt dann: „Danke. Du kannst aufhören. Es interessiert mich nicht.“ Aber das trauen sich die wenigsten zu sagen. Also bleibt es beim nichtssagenden Abnicken.

#11 Vernebelungstechnik beim Sprechen

Manchmal verstehen wir nicht wirklich, was gesagt wird. Wir können es nicht verstehen, weil es gar nicht die Absicht des Sprechenden ist, richtig verstanden zu werden. Denn dann wäre ja alles klar. Das ist eine Form der Vernebelungstaktik, wo etwas so kompliziert und schwierig dargestellt wird, dass der andere irgendwann aufgibt und sagt, okay, so ist es. Wir sind also abhängig von der Person, die die Wissende ist, wir müssen alles glauben. Mit Absicht.

#12 Fehlende Zeit

Und dann gibt es Dinge, die wir vielleicht noch nicht verstehen. Das kenne ich von mir! Wenn ich etwas höre, versuche ich, es so gut wie möglich zu verarbeiten. Ich merke, oberflächlich ist alles klar, aber ich brauche Zeit, um es sacken zu lassen und darüber nachzudenken. Erst durch das nachwirken lassen kommt dann plötzlich das tiefergehende Verständnis. Deshalb ist es wichtig, sich diese Zeit und diesen Raum zu geben.

Strategien für besseres Verstehen

Was können wir also in Momenten tun, wenn ein Verstanden werden gerade nicht möglich ist?

1. Fragen statt sagen

Verstehen und verstanden werden sind zentrale Ziele jeder Kommunikation. Oft wissen wir nicht, was bei unserem Gegenüber wirklich angekommen ist. Ein echtes Interesse, dies herauszufinden, ist daher entscheidend. Durch gezieltes Nachfragen können wir Missverständnisse aufdecken und die Basis für eine klare Kommunikation schaffen.

Statt gebetsmühlenartig zu wiederholen, lohnt es sich zu fragen: „Ich habe jetzt einiges erklärt. Ich möchte wissen, ob ich mich klar ausgedrückt habe und was bei Ihnen angekommen ist. Können Sie mir das bitte sagen?“

Diese ungewöhnliche Frage durchbricht Routinen und regt zum aktiven Reflektieren an.

 „Wollen Sie mich prüfen?“, wurde ich einmal gefragt. „Nein, ich will Sie nicht prüfen. Ich möchte, dass es Sinn macht für uns beide, wenn wir jetzt miteinander reden. Und nur wenn ich weiß, was angekommen ist, weiß ich, ob wir weitermachen können oder ob es an dieser Stelle noch etwas von mir braucht.“

Dieser Ansatz schafft für beide Seiten Luft, über das Gesagte nachzudenken. Das formulierte Feedback kann zu einem tieferen Verständnis führen und oft unentdeckte Fragen beantworten. Auch wenn die Rückmeldung spärlich oder ungenau ist, ist es wichtig, Dankbarkeit zu zeigen, denn das Feedback zeigt, wo weiterer Klärungsbedarf besteht.

2. Druck raus nehmen, Raum und Zeit geben

Wenn wir mit Abwehr und Verteidigung beschäftigt sind, können wir nicht gleichzeitig verstehen.

In solchen Momenten ist es wichtig, einen Schritt zurückzutreten und sowohl räumlich als auch emotional Abstand zu gewinnen.

Ein prägendes Erlebnis hatte ich einmal mit einem Mitarbeiter einer Fluggesellschaft, der in unserem Gespräch einfach nicht verstand, was ich ihm zu vermitteln versuchte. Das hatte er auch mehrfach so ausgedrückt. Nach mehreren vergeblichen Versuchen machte ich einen klaren Schnitt: „Sie verstehen es jetzt nicht. Also lassen wir das jetzt. Vielleicht verstehen Sie etwas später oder morgen früh, wenn Sie aufwachen, auf einmal, was ich Ihnen sagen wollte. Weil sie dann plötzlich begreifen. Verstehen. Ich wünsche Ihnen alles Gute!“

Tatsächlich rief er mich zwei Stunden später an, nachdem er mühsam meine Telefonnummer herausgefunden hatte ohne meinen Nachnamen zu kennen. Es hatte ihm keine Ruhe gelassen, er hatte sich auf die Suche gemacht, um den Sachverhalt zu verstehen. Als er es verstanden hatte, war er so berührt, dass er mich angerufen hat und wir uns weiter darüber unterhalten konnten.

3. Loslassen und sich selbst klären

Wenn es mit dem Verstehen jetzt gerade nicht und nicht klappen will, brauchen wir selbst Zeit und Raum.

Praktische Anwendung: Das „Was ist JETZT?“-Vorgehen

  • Was ist das Thema, um das es geht? Beobachtbar, sachlich, konkret.
  • Wie fühle ich mich JETZT dabei? Dazu nehme ich bei Bedarf sehr gerne die Gefühlekarten zur Hand und mache einen 360° gelb/grau Kartenscan.
  • Ja und um welche Bedürfnisse geht es mir da? Mit Hilfe der Bedürfniskarten fällt es auch in aufregenden Momenten leicht, alle mitschwingenden Bedürfnisse zu erkennen.
  • Welches ist das wichtigste Bedürfnis in Bezug auf das Thema und in Bezug auf die Gegenwart und die Zukunft (die Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern, sie ist schon vorbei!)
  • Kann ich JETZT etwas für dieses Bedürfnis tun?
    • Ja? Dann tue ich es!
    • Nein, jetzt nicht aber später? Dann plane ich das ein!
    • Nein. Dann nehme ich wahr, dass es mir WERTvoll und wichtig ist und lasse es frei!

Mit dieser Methode machen wir uns frei von dem Gedanken, dass uns jetzt jemand verstehen muss! Wir machen uns unabhängig und frei und können so flexible Lösungen finden!

Verstehen und verstanden werden

Wir können so vieles verstehen: von klaren Fakten und logischen Schlussfolgerungen bis hin zu den Gründen, warum Menschen so fühlen oder handeln, wie sie es tun. Dazu gehört auch, wie wir miteinander umgehen, was wir ohne Worte sagen und warum wir manchmal so unterschiedlich denken. Wenn uns das bewusst ist, können wir besser miteinander reden, mehr Mitgefühl zeigen und uns besser verstehen.

Was willst du mir sagen? Was genau meinst du? In echter Kommunikation teilen wir uns mit, wir machen uns selbst durch unsere Offenheit zum Geschenk. Sind wir Zuhörende, nehmen wir das Geschenk an und schauen, was es enthält. „Habe ich dich richtig verstanden?“, fragen wir und zeigen damit, dass wir das Gesagte wirklich aufnehmen wollen. Sobald wir das Gehörte in unsere eigenen Worte fassen, beginnt es, in uns zu wirken und ein Teil von uns zu werden. Wir lernen, wir entwickeln uns, und wir zeigen, was bei uns angekommen ist. Das ist das Wunderbare, das Berührende, das, was uns erleichtert und gut tut. Wenn der Sprechende spürt, dass seine Worte angekommen sind, dann ist das Geschenk nicht nur angenommen, sondern auch geöffnet worden.

Verstehen heißt nicht zustimmen. Man muss sich nicht über jedes Geschenk freuen, aber es ist gut, es anzunehmen und wirken zu lassen. Auf diese Weise bauen wir eine ehrliche Gemeinschaft auf, die auch trotz unterschiedlicher Meinungen wachsen kann.