Beim Lesen zeigt sich eine Vielfalt von Dynamiken, ähnlich wie beim Sprechen und Hören. Es gibt verschiedenste Arten des Lesens: Wir saugen interessiert Neues auf, lassen Belangloses an uns vorbeiziehen, vergleichen kritisch mit der eigenen Position. Manches inspiriert uns, lässt uns träumen, anderes gibt uns zu denken. Manchmal lenken wir uns beim Lesen ab, um der Realität zu entfliehen, und fiebern mit den Figuren mit. Gelegentlich analysieren wir komplexe Zusammenhänge oder hängen dem Gelesenen gedanklich nach, um die tieferen Bedeutungen zu erschließen. Vielfach lesen wir so, wie wir zuhören.
Doch es gibt wesentliche Unterschiede zwischen dem Lesen und einem Gespräch. Beim Lesen müssen wir nicht sofort zustimmen oder handeln. Wir können anonym völlig konträre Ansichten lesen, ohne unsere persönliche Meinung preiszugeben. Diese Form der MeinungsFREIHEIT sollte sich daher auch in der MeinungsVIELFALT der gelesenen Inhalte widerspiegeln.
Die Freiheit des Lesens ermöglicht es uns, verschiedene Perspektiven kennenzulernen und unser Verständnis zu erweitern.
Doch wie steht es um unsere Lesefreiheit?
Leider haben die Veränderungen im Journalismus die Möglichkeiten dieser Vielfalt eingeschränkt. Wer bezahlt, schafft an, was geschrieben wird. Die redaktionelle Arbeit verkommt immer mehr zur Werbung. Nach und nach sickert die propagandistische Einseitigkeit über die Augen in die Köpfe der Lesenden, vermittelt immer klarere Bilder scheinbar absoluter Wahrheiten. Die Pluralität wird einem Spalierobstbaum gleich zurechtgestutzt. Gleichgerichtet. Formatiert.
Mit dieser bewussten Polarisierung in der Medienlandschaft wird den Lesern eine immer kleinere Welt angeboten, aus der sie nach eigenem Interesse auswählen und sauber Recherchiertes und Dokumentiertes sachlich zur Kenntnis nehmen und in Ruhe reflektieren können, um eigene Schlüsse ziehen zu können.
Schwarz oder weiß, entscheide Dich ob du für oder gegen uns bist, dazwischen gibt es nichts.
Hier zeigt sich die Verkümmerung der Medienwelt zum verlängerten Arm einzelner politischer Parteien. Homepages, User und Artikel, im Extremfall wird der Zugang zu Medien, die die Gegenmeinung vertreten, blockiert, wie wir es heute in Russland und China erleben. Auch in anderen Ländern können solche Restriktionen unbemerkt bestehen und sich ausbreiten. Ausufern.
Wie lese ich, was lese ich?
Lesen kann eine wertvolle Ergänzung zum gesprochenen Wort sein und das Verstehen komplexer Zusammenhänge erleichtern. Dabei haben wir als Lesende die Kontrolle über die Zeit: Wir können Texte überfliegen oder das Tempo verlangsamen und an unsere eigene Verarbeitungsgeschwindigkeit anpassen.
Das Internet bietet uns die Möglichkeit, Informationen zu vertiefen und zu erweitern, die wir aus unserem direkten Umfeld nicht erhalten. Wir können unser persönliches Wissen ergänzen und unser Verständnis fördern. Aber was bedeutet Verstehen eigentlich? Geht es laut dem Wortstamm – STEHEN – um einen Standpunkt? Darum, einen anderen Standpunkt einzunehmen, indem wir uns innerlich in diese andere Position versetzen und sie verstehen?
Stehen bleiben, innehalten, wie beim Einfrieren eines dynamischen Prozesses. Um zu verstehen, wo eine andere Person, ein Land, eine Partei gerade STEHT. Mit seiner persönlichen Sichtweise.
Auszug aus einem Interview mit Prof. Marcuse aus dem Jahre 1976 (Das Verhältnis zu Martin Heidegger / Aufgabe der Philosophie und Verantwortung des marxistischen Philosophen heute):
… ich würde heute noch sagen Heidegger hat mich gelehrt wie ein Text zu lesen ist. Wort bei Wort, und zwar so, dass man nicht an den Text herangeht im Gefolge irgendeiner vorhergehenden Interpretation, sondern sich fragt, was besagt jedes Wort hier so wie es derjenige der den Text geschrieben hat verstanden hat nur verstanden haben konnte …
Verstehen: Ein Schritt aus der eigenen Perspektive
Verstehen in diesem Sinne hat also in erster Linie mit etwas außerhalb von uns selbst zu tun, nämlich mit dem Anderen. Ohne uns selbst mit unserer Sichtweise einzubauen und diese dazuzumischen, können wir den Autoren und ihrer Sichtweise sehr nahe kommen. Beim Lesen haben wir die freie Wahl, wir müssen uns weder bekennen noch eine Verteidigungsposition einnehmen, wir können einfach alles einmal zulassen.
Was wollte uns die Person mit dem, was sie geschrieben hat, sagen? Verstehen, einen Standpunkt verstehen, bedeutet also, anzuerkennen und zu akzeptieren, dass jemand woanders steht und sich selbst zu bewegen, sich an seine Stelle zu setzen. Zumindest für den Moment des Verstehens.
Verstehen heißt auch, sich verstellen zu können. Sich gedanklich und empathisch woanders hinstellen zu können. Können und wollen wir uns in den anderen hineinversetzen? Wie ist der Blickwinkel, die Perspektive von dort aus? Nur von diesem Standpunkt aus können wir sehen, wie DIESE Position ist. Das ist entscheidend, um gegensätzliche Positionen zu verstehen.
Wenn wir den anderen nicht verstehen wollen und seine Perspektive nicht einnehmen, fehlen uns entscheidende Puzzleteile für ein vollständig(er)es Bild als Voraussetzung für eine gemeinsame Sicht der Dinge. Sobald wir etwas verstehen, sehen wir es anders. Auch wenn es uns nicht gefällt! Wir müssen nicht zustimmen!
Die Bedeutung des Perspektivwechsels
„Stellen Sie sich bitte einmal hier hin“. Einen Schritt aus der eigenen Position heraus zu machen, den eigenen Standpunkt verlassen, ist ein wichtiger Baustein, um wirklich verstehen zu können. Wenn wir da nun stehen, lassen wir das einmal wirken.
Nun bekommen wir etwas zu spüren. Wie fühlen wir uns jetzt DA? Welche Gefühle und Bedürfnisse zeigen sich? Es entsteht eine immer klarere Sicht. Wir verstehen immer besser.
Durch bewusstes Lesen können wir unser Verständnis ergänzen und neue Puzzlesteine hinzufügen. In weiterer Folge geht es ums Anknüpfen. Ums Verbinden, mit dem was schon da ist in uns. Wenn wir das Gelesene reflektieren, indem wir davon sprechen oder darüber schreiben, tauchen wir tiefer, erkennen wir immer mehr, entdecken Verborgenes und verstehen.
So filtern wir das Wesentliche heraus und legen den Kern dessen frei, was der Schreiber tatsächlich gemeint haben könnte. Mit diesem geistigen und gefühlsintensiven Stretching überwinden wir die Starre, das Festhalten an einem einzigen Ort und ermöglichen es uns, Teil einer dynamischen Realität zu sein. Eine Voraussetzung, um positive und kreative Lösungen zu schaffen.
Das erfordert Mut und Willen, aber es lohnt sich.
Liebe Irmgard, lieber Stefan,
herzlichen Dank auch diesmal für eure umfassenden Überlegungen!
Zufälligerweise ist mir genau dazu am Wochenende dieses Zitat untergekommen, was mich ebenso sehr anspricht und erinnert:
„Das, was man mit den Ohren hört, ist eine Sache. Das, was der Verstand versteht, ist eine andere Sache. Aber das, was die Seele hört, geht weit über diese beiden Vorgänge, das akustische Hören und das Denkvermögen, hinaus. Demzufolge ist es erforderlich, dass wir leer sind. Denn wenn wir leer sind, hören wir mit unserem gesamten Wesen zu. Dann ist da ein direktes Verständnis von dem, was gerade vor einem ist – und das ist etwas, was nie nur mit dem Ohr oder mit dem Verstand erfasst werden kann.“
-Chuang-Tzu
Vielen Dank an euch für eure Denkanstöße, Inspirationen und Erinnerungen, das Leben aus verschiedenen Perspektiven anzusehen, wirken zu lassen und zu wählen – gerade auch Worte, Sprache, Haltung und Verhalten…
Herzliche Grüße, Romana
Liebe Romana,
deine Ergänzung, dieses Zitat, berührt mich tief im Innersten. Die Leere. Leer sein im Kopf. Leer und aufnahmebereit sein als ganzes Wesen.
Das dockt so an, an dem, wo wir gerade intensiv auch hinschauen:
Was stopft / müllt uns zu?
Wie stopfen / müllen wir selbst uns zu?
Wie bekommen wir (Frei-)RAUM und RUHE im Kopf und als gesamtes Wesen und damit auch FRIEDEN?
Was kann ich selbst dafür tun?
Was können wir dazu beitragen?
Drum herzlichen Dank für deinen Beitrag dazu!
Alles Liebe
Irmgard