Frei sein für mein Selbst
Die ersten zarten Sonnenstrahlen tasteten sich über die schroffen Gipfel und hüllten die Landschaft in goldenes Licht. Auf dem Gipfel stehend, atmete Thomas tief die frische Bergluft ein und setzte seinen Weg talwärts fort. Über ein Geröllfeld, durch schattige Waldstücke und über blühende Almwiesen gelangte er schließlich zu einem kristallklaren See. Ohne zu zögern, entledigte sich Thomas seiner verschwitzten Kleidung, tauchte nackt in das kühle Nass ein, schwamm hinaus und ließ sich am Rücken treiben. Mit entschlossener Freude in den Augen winkte er dem Gipfel zu, winkte der Vergangenheit, winkte all den Zwängen zu, die er nun hinter sich ließ.
Von der Sonne getrocknet, saß er auf einem warmen Felsen, zog sein Notizbuch aus dem Rucksack und begann zu schreiben:
Die Maske des täglichen Lebens
Ich bin für diese Welt sozialisiert worden, um darin zu funktionieren. Mein angepasstes Verhalten spiegelt eine Kreatur wider, die erfolgreich in ein bestehendes System gepresst wurde.
Er setzte den Stift ab, betrachtete sein Spiegelbild im See und führte einen stummen Dialog mit sich selbst, bevor er nachdenklich weiterschrieb:
Als Kind wurde ich für mein „Benehmen“ gelobt oder getadelt. Schritt für Schritt wurden mir, einem Zirkusbären gleich, immer gewagtere Kunststücke beigebracht. Der Applaus in der Manege bestätigte diese immer konformere Ausrichtung meiner Person. In der Pubertät galt ich als „seltsam und komisch“ – ein lauter Schrei in eigener Sache, trotzdem ungehört von außen wie von innen. Alles vergeht.
Das Bild verblasst, wird unscharf, trüb, dann unsichtbar. Viele Jahre vergehen, ich funktioniere, tue, mache, bin „eingespannt“ und bewegungsunfähig. Mein Selbst ist immer noch da, es ist meine Identität, aber ich habe verlernt, mit ihm in Kontakt zu sein, mich authentisch zu verhalten.
Die Wiederentdeckung des Selbst
Alles ist eine Maske, ein ewiger Bühnenauftritt, bei dem unausgesprochen klar ist, was von mir erwartet wird. Ich spiele immer die gleiche Rolle, Jahr ein, Jahr aus, Tag ein, Tag aus, wie in der täglichen Aufführung der Mausefalle im Londoner West End.
Thomas hielt inne, suchte nach den richtigen Worten, während der Stift einen Fleck hinterließ.
Und doch, plötzlich ist es wieder spürbar. „Midlife-Crisis, das wird schon wieder“, wollte mich ein Zirkusbesucher beruhigen. Nein, es ist keine Krankheit oder Spinnerei. Im Gegenteil, mein Selbst erwacht zum Leben. Es nimmt endlich wieder Kontakt mit mir auf.
Die Sprache des inneren Dialogs
Die so toll funktionierende Außensicht ist von dieser Situation überrascht und überfordert. Was ist das, darauf bin ich doch nicht konditioniert. Wie soll ich darauf reagieren? Um mit mir in Kontakt zu treten, braucht es eine Sprache, die ich verstehe.
Eine leichte Brise kräuselte die Wasseroberfläche, verzerrte sein Spiegelbild. Ich kann nicht gleichzeitig nach innen und nach außen schauen, dachte er und wandte sich wieder seinem Notizbuch zu:
Der Mut, die Tür zu öffnen
Der Mut führt mich, ich öffne jetzt diese Tür nach innen, die Tür zu mir. Es ist zunächst kein schöner Anblick. Die Ehrlichkeit mir selbst gegenüber öffnet plötzlich alle Räume, die so lange verschlossen waren. Das überwältigt mich, macht mich traurig, ja sogar fassungslos. Ich suche nach Erkenntnis und Heilung.
Was sagte Epikur? Der Anfang des Heils ist die Kenntnis des Fehlers.
Der Fehler liegt vielleicht darin, dass ich mich selbst verleugnet habe. Ich habe gegen mich selbst gehandelt, den Schmerz gespürt, aber weitergemacht. Verdrängt und betäubt. Trauern ist das notwendige Bedürfnis für diese Erkenntnis. Was passiert ist, ist passiert. Ich bin verletzt, nicht derjenige, der mir die Verletzung zugefügt hat.
Verantwortung und Heilung
Die Trauer ermöglicht den inneren Blick auf das, was wund ist, was wehgetan hat und noch immer schmerzt. Doch ich bin jetzt bei mir und beschütze mich selbst. Ich übernehme jetzt Verantwortung für mich, für mein Selbst!
Mit dieser Einsicht flossen die Worte nun schneller aus ihm heraus, festgehalten von der schreibenden Hand.
Ich muss erst äußerlich loslassen, um innerlich wachsen zu können. Einfach leben bedeutet jetzt, Zeit zu haben und meine Aufmerksamkeit dort hinzulenken, wo sie mir nützlich sein kann. Wenn ich beginne, für mich Unnatürliches loszulassen, bin ich nicht mehr innerlich verstellt.
Dann wird meine Person verständlich und klar wahrnehmbar. Zu wissen, was ich jetzt brauche, macht mich plötzlich frei. Was werte ich also höher an mir, das Angelernte oder das Ursprüngliche? Kann ich das Stück für Stück unterscheiden und jeweils richtig zuordnen?
Gelingt es mir, mich selbst als den wahren Menschen zu erkennen, der ich bin? Und jetzt, was wiegt mehr? Was bin ich mir selbst wert? Wie handle ich jetzt in meinem Sinne?
Er schüttelte den Kopf und schnaubte. Das ist es! Das Angelernte hat nur einen Wert, wenn ich in der Manege der Gesellschaft auftrete. Das Ursprüngliche entfaltet seine Qualität und pure Kraft, wenn ich für mich bin oder mit Menschen, die mich genauso annehmen und wertschätzen können, wie ICH bin. Es tut so gut, sich nicht verstellen zu müssen.
Mit dieser Einsicht purzelten die Fragen aus ihm heraus, durch seine schreibende Hand aufs Papier:
Wann und wo in meinem Leben muss ich jetzt noch im Zirkus auftreten, und wird von mir erwartet, dass ich meine erlernten Kunststücke vorführe? Was kann ich weglassen? Wie kann ich die Zeit, die ich in meiner ursprünglichen Natürlichkeit verbringen kann, maximieren? Welches neue private und berufliche Umfeld brauche ich dafür? Wie kann ich selbst gestalten und beeinflussen, was ich für dieses Leben brauche?
Ich möchte meinen Blick dafür schärfen, meine Gefühle, Bedürfnisse und Werte nicht wieder im Nebel des Alltags zu verlieren, um nicht wieder in die Irre zu laufen. Damit ich klar erkenne, wo und wann ich NEIN sage. Was ich ab sofort lasse. So wie jetzt und hier bleibe ich bei mir und werde daraus schöpferisch. Das macht zufrieden und glücklich.
Die rastlose Illusion des nie genug Habens zeigt ihre Bedeutungslosigkeit für mein Leben. Meine Unzufriedenheit weicht, sobald ich in Frieden bin mit mir selbst. Ja, so hatte schon Epikur geschrieben: Wer den Frieden der Seele hat, beunruhigt weder sich selbst noch einen anderen. Meine Persönlichkeit kann nun in Harmonie mit meiner Umgebung wachsen durch tiefen, wertvollen Austausch und bewusste Wahrnehmung. Ich entscheide für mich selbst und übernehme dafür dann die Verantwortung.
Wenn es mir im Leben passt, verlasse ich den Zirkus mit den Systemdomteuren und Einheitsklaqueuren.
Der ehrliche Vergleich gibt mir Sicherheit.
Wie schaffe ich meinen persönlichen Rhythmus, meinen Ablauf, meine Struktur, die gut zu mir passt? Was lasse ich dafür weg, und was bekommt Raum und Zeit? Wie schön, wenn ich immer wieder das tun kann, was ich schätze. Ein Rhythmus, der zu mir passt, ist stimmig und deshalb macht mich auch die stete Wiederholung von selbst gewählten Elementen meines Lebens immer wieder aufs Neue glücklich.
Dann brauche ich keinen Applaus mehr. In mir kehrt Stille und Ruhe ein.
Ein neuer Anfang
Während Thomas das Notizbuch schloss, fühlte er eine tiefe Ruhe über sich kommen. Die Stille des Sees spiegelte nun die Stille in seinem Herzen wider. Er wusste, dass der Weg vor ihm ungewiss war, doch er war bereit, ihm zu folgen – nicht mehr getrieben von den Erwartungen anderer, sondern geleitet von der Wahrheit seines eigenen Herzens. Mit einem letzten Blick auf den ruhigen See stand er auf, bereit, sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Liebe
ich bin dir dankbar über den Impuls „GIPFEL DER SELBSTFINDUNG“.
Ergänzend folgendes Zitat von David Steindl Rast aus einem Interview auf die Frage:
Was ist es an Bruder David, was nicht sterben wird?
„Das Selbst. Jede und jeder von uns kann «Ich» sagen, und darin sind wir ganz verschieden voneinander. Aber wenn wir wirklich betonen wollen, wer wir eigentlich sind, sagen wir: «Ich selbst». Das ist mehr. Das Selbst ist nur eines. Es gibt keinen Plural, man kann im Deutschen auch nicht von «Selbsten» sprechen. Wir sind viele «Ichs» und ein «Selbst». Dieses Selbst ist nicht physisch. Es wird überleben. Wie, weiß ich nicht. Aber ich kenne und erlebe mich nicht nur als leibliches Ich, sondern auch als Selbst: als Ganzes, nicht nur mit allen Menschen, sondern mit der ganzen Schöpfung verbunden. In diesem Selbst bin ich eigentlich «zu Hause»“.
Quelle: https://www.bibliothek-david-steindl-rast.ch/bibliothek/texte/interviews-mit-bruder-david/2725-sinnvoll-leben-dankbar-leben
In diesem Sinn wünsche ich dir einen Sonntag in Ruhe und Frieden.
LG-Franz
Lieber Franz,
vielen Dank für deine Gedanken und das tiefgründige Zitat von David Steindl Rast, das du geteilt hast. Es ist wirklich inspirierend, wie es die Essenz unseres Seins und unsere Verbindung mit der Schöpfung einfängt. Diese Perspektive erweitert unseren Blick darauf, was es bedeutet, wirklich „zu Hause“ zu sein – in uns selbst und in der Welt.
Ich wünsche dir ebenfalls einen ruhigen und friedvollen Sonntag!
Herzliche Grüße,
Irmgard
Liebe Irmgard,
danke für diesen Text. Er macht Lust, mich weiter auf meinen Weg zu machen! Er macht Mut, mehr und mehr ich selbst zu sein.
Die volle Verantowrtung für meine Gefühle und Bedürfnisse zu übernehmen. Daraus entsteht für mich viel Freiheit. Daraus schöpfe ich meinen Selbstwert. Daraus wächst meine Identität, schält sich heraus. Ja, das bin ich. Am Werden.
Liebe Elke,
vielen Dank für deine wunderbares Rückmeldung!
Es freut mich sehr zu hören, dass der Text dich inspiriert und dir Mut macht, deinen ganz persönlichen Weg weiterzugehen.
Ich wünsche dir weiterhin viel Freude und Erfüllung dabei, deine Identität zu gestalten und deinem wahren Selbst immer näher zu kommen.
Alles Liebe
Irmgard
liebe irmgard,
danke wieder einmal für deine artikel. es dockt bei immer mehr oder weniger etwas an und ich freue mich jedesmal über die aha`s.
letzte woche ist mein vater gestorben und ich habe gestaunt, wieviel in einem dorf nach den erwartungen der „leute“ gehandelt wird. es gibt für mich so viele sinnentleerte rituale, beim begräbnis und den vorbereitungen darauf. manches habe ich der entscheidung meiner schwester überlassen , ihr zuliebe mitgetragen, da sie dort lebt. trotzdem bin ich bei der zeremonie und danach aus dem staunen kaum herausgekommen. ich durfte einiges wahrnehmen und mache mir so meine gedanken, wo meine masken und einschränkungen sitzen.
gleich heute habe ich mich getraut, einer lieben cousine zu sagen, dass ich mich freue auf ein spontanen kontakt, aber nicht mehr jetzt schon planen möchte. sie hat geantwortet, dass es ihr eigentlich auch so geht und es ok ist.
ich hoffe es geht euch gut und schicke liebe grüße aus einem sehr schwülen tirol.
in herzlicher verbundenheit
rosalia
Liebe Irmgard, lieber Stefan
…. Jeden Tag ein wenig mehr von dieser Freiheit….die Saat liegt in nährstoffreichem Boden….
Herzlichst
Andrea