Wenn das Selbst leidet.
Und warum die „Normalen“ manchmal die Kränkesten sind.

1977 wurde Erich Fromm in einem Interview gefragt:
„Heißt das auch, dass die Menschen, die wir gemeinhin als normal bezeichnen, dass die von ihrem Standpunkt aus krank sind?“

Seine Antwort kam ohne zu zögern:
„Oh ja, die Normalsten sind die Kränkesten. Und die Kranken sind die Gesündesten.“

Und dann fügte er hinzu:
„Der Mensch, der krank ist, der zeigt, dass bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind. […] Aber sehr viele Menschen, das heißt, die Normalen, die sind so angepasst, die haben so alles, was ihr eigen ist, verlassen. […] Sie sind so entfremdet, so robothaft geworden, dass sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden.“

Mit anderen Worten:
Die Kranken spüren sich wenigstens noch.
Die scheinbar Gesunden haben aufgehört zu fühlen.


Grenze zwischen gesund und krank

Dieses Interview haben Stefan und ich in den letzten Jahren schon mehrmals angeschaut. Und jedes Mal bestärkt es uns in dem, was wir sehen:

Die Grenze zwischen gesund und krank ist nicht so klar, wie wir glauben.

Letzte Woche hat uns ein aktuelles Gespräch wieder daran erinnert: „Gene oder Umfeld: Was beeinflusst psychisches Leiden?“ von Sternstunde Philosophie. Hier zum Interview.

Dazu passend noch zwei Dokumentationen, eine über ein Heim für psychisch Beeinträchtigte und eine über eine psychiatrische Station in der Schweiz.

Und während wir darüber sprachen, kam sie wieder, diese eine Frage:

Wer bestimmt eigentlich die Grenze?

Bei einem gebrochenen Knöchel ist das leicht.
Aber bei innerer Unruhe, diffuser Erschöpfung oder diesem Ziehen im Bauch, wenn wir in einem Gespräch sitzen, das unsere Würde untergräbt – da wird es schwierig.

Wer entscheidet, ob das, was du fühlst, berechtigt ist – oder nur „Überempfindlichkeit“?


Schmerz ist nur ein Signal! Nicht das Problem

Wir sind gewohnt, Krankheit am Symptom zu erkennen: Fieber, Entzündung, gebrochener Knochen.

Bei sichtbaren Verletzungen ist die Grenze klar.
Bei allem Unsichtbaren wird sie unscharf. Und was als „psychisch krank“ gilt, hat sich im Lauf der Zeit immer wieder verändert.

Doch Schmerz ist nicht der Feind.
Schmerz ist eine Sprache.

Der Körper spricht.
Er meldet: Etwas passt nicht.

Manchmal ist es eine Verletzung im Gewebe.
Manchmal ist es chronische Anspannung.
Manchmal ist es dieses dauerhafte Gefühl, falsch zu sein.

Das innere Zusammenzucken bei bestimmten Namen.
Das Erstarren in bestimmten Räumen.
Die schleichende Entfremdung vom eigenen Empfinden.

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich selbst dachte: Vielleicht bin ich einfach zu empfindlich.
Heute weiß ich: Es war mein Körper, der mir etwas sagen wollte.

Der Körper ist kein Gegner.
Er ist ein Resonanzraum.

Und Leid ist nicht nur physischer Schmerz.


Die innere Harfe: wenn Bedürfnisse dauerhaft ignoriert werden

In meinem Bild gesprochen:

Die innere Harfe ist verstimmt.

Und statt sie neu zu stimmen, versuchen wir, lauter zu spielen.
Wir ignorieren die Dissonanz.
Wir gewöhnen uns an das Quietschen.
Wir sagen: „So schlimm ist es nicht.“

Du gerätst aus der Balance, wenn Bedürfnisse dauerhaft ignoriert werden.
Wenn Grenzen systematisch überschritten werden.
Wenn Wahrheit unterdrückt wird.
Wenn Angst stärker ist als Authentizität.

Und dann kommt der Punkt, an dem du dich selbst nicht mehr hörst.

Die Harfe ist so verstimmt, dass du vergessen hast, wie sie klingen sollte.


Das schlimmste Leid: Wenn Menschen anderen Leid zufügen

Es gibt eine Form von Leid, die tiefer geht als körperlicher Schmerz:

Das Leid, das von Mensch zu Mensch geschieht.

Beabsichtigt oder unbeabsichtigt.

Ein Wort kann tiefer schneiden als ein Messer.
Wiederholte Geringschätzung kann Identität erodieren.
Subtile Abwertung kann Selbstvertrauen zerstören.

Das kann in Familien geschehen, in Organisationen, in Partnerschaften. Überall dort, wo Macht ungleich verteilt ist und nicht reflektiert wird.

Und oft geschieht etwas Zweites, das das Leid noch vergrößert:

Die Betroffenen werden als „zu empfindlich“ dargestellt.

Als schwach.
Als dramatisch.
Als schwierig.

Das ist eine doppelte Verletzung.
Zuerst die Kränkung.
Dann die Delegitimierung der Kränkung.

Warum wir das nicht gesehen?

Gesellschaftlich wird physische Gewalt verurteilt.
Psychische Gewalt oft nicht.

Wenn ein Mensch sichtbar blutet, reagieren wir.
Wenn ein Mensch innerlich ausblutet, sprechen wir von „Charakterschwäche“.

Das ist ein blinder Fleck unserer Kultur.


Krankheit als kollektives Phänomen

Wenn viele Menschen in einem System dauerhaft leiden, dann ist nicht nur das Individuum krank.
Dann ist das System krank.

Wenn in einer Familie mehrere Mitglieder über Jahre hinweg klein gehalten werden,
wenn in einer Organisation Angstkultur herrscht,
wenn in einer Partnerschaft Manipulation normalisiert wird –
dann zeigt sich Krankheit nicht als Diagnose, sondern als Klima.

Solche Systeme können nach außen funktional wirken.
Erfolgreich. Angesehen. Stabil.

Doch innerlich herrscht Spannung, Verhärtung, Schweigen.


Worunter leidest du?

Die eine Frage: Woran leidest du?

Nach diesen Gesprächen sind wir zu einer einfachen Schlussfolgerung gekommen:

Die Frage, die hilft, ist nicht:
„Bin ich krank oder gesund?“

Sondern:
„Woran leide ich?“

Oder noch präziser:
„Worunter leide ich?“

Nicht um dich zu diagnostizieren.
Nicht um dich einzuordnen.
Sondern um wieder in Kontakt zu kommen.

Denn der Körper weiß oft früher Bescheid als der Verstand.

Heilung beginnt nicht mit Anklage.
Heilung beginnt mit Wahrnehmung.

  • Was fühle ich wirklich?
  • Wo spüre ich Enge?
  • Welche Situationen kosten mich Kraft?
  • Welche Worte lassen mich innerlich schrumpfen?
  • Wo verliere ich mich?

Wenn wir beginnen, Leid als Information zu lesen statt als Schwäche, verändert sich der Zugang.

Nicht jedes Leid kann sofort beendet werden.
Nicht jede Dynamik lässt sich sofort verlassen.

Aber Bewusstheit verändert die innere Position.

Und manchmal ist der erste Akt von Gesundheit: das Benennen.


Die Kranken spüren sich noch

Zurück zu Fromm: Die Kranken spüren sich noch

Fromm sagt im Interview weiter:

„Glücklich der, der ein Symptom hat. Wie glücklich der, der einen Schmerz hat, wenn ihm etwas fehlt. Wir wissen ja, wenn der Mensch keine Schmerzen empfinden würde, wäre er in einer sehr gefährlichen Lage.“

Das Symptom ist ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt.

Manche Menschen funktionieren so gut, dass sie kaum noch spüren, was in ihnen lebendig ist.
Ihre wirklichen Gefühle – Liebe, Hass, Sehnsucht – sind so verdrängt oder verkümmert, dass sie wie automatisch funktionieren.

Sie leiden vielleicht weniger spürbar.
Aber sie spüren sich auch weniger.

Sie haben aufgehört zu leiden.
Aber sie haben auch aufgehört zu leben.

Die „Kranken“ hingegen, die mit den Symptomen, den Ängsten, den Depressionen, zeigen, dass bei ihnen gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind.

Sie spüren sich noch.
Ihre Harfe ist verstimmt, aber sie ist nicht stumm.


Die Harfe neu stimmen

Vielleicht beginnt Gesundheit dort, wo wir wieder fühlen dürfen.
Wo wir Wirkung vor Absicht stellen.
Wo wir Leid nicht relativieren.
Wo wir uns und anderen zugestehen:

„Etwas stimmt hier nicht.“

Die Harfe muss nicht perfekt klingen.
Aber sie sollte gestimmt sein.

Auf dich.
Auf das, was du brauchst.
Auf das, was dir entspricht.


Fragen zum Nachspüren für dich

Nimm dir heute 10 Minuten und frage dich:

  1. Woran leide ich gerade?
    (Nicht „was ist falsch mit mir“ – sondern: Was tut weh? Was drückt?)
  2. Wo habe ich aufgehört zu fühlen?
    (Welche Situationen, Beziehungen, Dynamiken habe ich normalisiert, obwohl sie mir nicht guttun?)
  3. Wie klingt meine innere Harfe?
    (Verstimmt? Stimmig? Oder schon lange stumm?)
  4. Was wäre der erste Schritt, sie wieder zu stimmen?
    (Nicht „alles auf einmal ändern“ – sondern: Was ist EINE kleine Sache, die ich anders machen könnte?)

Schreibe deine Gedanken auf.
Ohne Zensur. Ohne Urteil.

Diese Klarheit ist der erste Schritt.

Wenn du magst:

🎶 Ich habe eine 6-minütige Meditation erstellt, die dich durch genau diese Fragen führt.
👉 Bedürfnisse – deine innere Harfe | Meditation

Herzlichst,
Irmgard & Stefan

P.S.
„Die Normalen sind die Kränkesten. Die Kranken sind die Gesündesten.“

Das klingt paradox.
Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr ergibt es Sinn.

Vielleicht ist das Wichtigste nicht, ob du „normal“ bist.
Sondern ob du dich noch spürst.


Zum Weiterschauen

Falls dich das Thema berührt, hier die Videos, die uns inspiriert haben:

🎶 NEU: Bedürfnisse – deine innere Harfe (Meditation)

📺 Erich Fromm – Ein Gespräch (1977)
Link zum vollständigen Interview
Besonders ab Minute 21:43 – die Stelle über „die Normalen sind die Kränkesten“

📺 Gene oder Umfeld: Was beeinflusst psychisches Leiden?
Sternstunde Philosophie | SRF Kultur
Link zum Interview

📺 Mona Vetsch: Mittendrin in einem Heim für psychisch Beeinträchtigte
Link zur Dokumentation

📺 Mona Vetsch: Mittendrin in der Psychiatrie – Seelische Abgründe und Ängste
Link zur Dokumentation